Zwingli-Jahr 2019

Wie Zwingli Zug beeinflusste


2019 feiern die Reformierten die Leistungen des Zürcher Reformators Huldrych Zwingli – auch die Zuger Reformierten, denn im katholisch geprägten Kanton steckt mehr Zwingli, als man annehmen könnte. 2017 feierten die Reformierten in aller Welt den 500. Jahrestag des legendären Thesenanschlags von Martin Luther. Doch die Reformation wäre wohl niemals gelungen, wäre der deutsche Theologe der einzige gewesen, der gegen die Zustände in der damaligen Katholischen Kirche gehämmert und gewettert hätte. Wie sähe zum Beispiel die Schweiz aus, wäre Huldrych Zwingli nicht 1522 am fast ebenso legendären Froschauer Wurstessen zugegen gewesen, als Protest gegen das geltende katholische Abstinenzgebot in der Fastenzeit? Man weiss es nicht. Sicher ist jedoch, dass der gebürtige Toggenburger mit seinem Amtsantritt als Leutpriester am Zürcher Grossmünster 1519 entscheidend zur Verbreitung des reformatorischen Gedankenguts in der Eidgenossenschaft beitrug.

Theologische Karriere
Huldrych Zwingli wurde am 1. Januar 1484 im sanktgallischen Wildhaus geboren. Sein Geburtshaus kann heute noch besichtigt werden. Da sein Vater ein reicher Bauer war, kam Zwingli in den Genuss einer guten Ausbildung. Sogar Latein lernte der junge Mann – bei seinem Onkel, dem Dekan in Weesen am Walensee. Als 14-Jähriger wollte Zwingli eigentlich ins Dominikanerkloster eintreten. Doch seine Eltern schickten ihn, zum Glück für die Reformation, an die Universität nach Wien. In der Folge wurde Zwingli zum Priester geweiht, und er bekam in Glarus seine erste Pfarrstelle. Hier begann er auch, das theologische, philosophische und sprachliche Wissen anzuhäufen, das ihm in seinen reformatorischen und politischen Auseinandersetzungen gute Dienste erweisen sollte.

Mit der Bibel in der Hand
In seinem ersten Amtsjahr am Zürcher Grossmünster überstand Zwingli eine Pesterkrankung, die einen Viertel der Zürcher Bevölkerung dahinraffte. So gelangte er zur Überzeugung, dass allein Gottes Gnade den Menschen erlösen könne. Diese werde in der Bibel hinreichend belegt, weshalb die Heilige Schrift – sola scriptura – in allen kirchlichen und religiösen Fragen allein entscheidend sein solle. Zwingli begann, gegen alles «Nichtbiblische» zu predigen: die Verehrung von Bildern, Reliquien und Heiligen, die Eucharistie und das Zölibat. Der wurstige Bruch mit dem Fastengebot 1522 führte schliesslich zu einem Disput mit dem Bischof von Konstanz und zu einem Kanzelverbot durch Papst Hadrian VI.

Streitbar bis zum Tod
Der Zürcher Rat ächtete Huldrych Zwingli jedoch nicht etwa als Ketzer, sondern machte sich dessen Haltung schliesslich zu eigen und erklärte dessen Thesen als schriftgemäss. Bis 1525 wurden Zwinglis Ideen vom Zürcher Rat verwirklicht, was das kirchliche Leben der Limmatstadt komplett umkrempelte. Mit Martin Luther hingegen kam es aufgrund unterschiedlicher Ansichten auf dem Marburger Religionsgespräch 1529 jedoch zum Bruch – und damit zur Trennung der lutherischen und zwinglianischen Kirche. Zunehmend verschärfte sich innerhalb der Eidgenossenschaft zu dieser Zeit auch der Ton zwischen katholischen und reformierten Kantonen. Sie mündeten in die beiden Kappeler Kriege, von denen der erste 1529 mit der Kappeler Milchsuppe, der zweite 1531 mit dem Tod, der Vierteilung und Verbrennung des als Feldprediger der Reformierten tätigen Zwinglis endete.

Reformierte Saat in Zug
Zu den katholischen Kantonen zählte damals auch Zug. Es gab nur eine Handvoll Protestanten, unter ihnen ab 1522 der Chamer Pfarrer Jost Müller und sein Pfarrhelfer Bernhardin. «Protestanten fanden sich vor allem im Klerus und bei bekannten Zuger Familien»,sagt der Historiker Josef Lang. Als weitere Beispiele nennt er zwei Frauenthaler Nonnen und den alteingesessenen Zuger Peter Kolin. Pfarrer Müller, der wie die meisten anderen Zuger Protestanten durch Vorträge des Reformators Heinrich Bullinger am Kloster Kappel von der neuen Strömung erfuhr, schrieb Zwingli einen Brief mit der Bitte, den Pfarrhelfer bei sich aufzunehmen. Er berichtete von Aufläufen gegen ihn und Bernhardin, die wohl von Zug aus gesteuert würden. Trotzdem scheint Müller im Amt und zugleich in Kontakt mit dem Zürcher Reformator geblieben zu sein – zumindest, bis die Lage vor dem Ersten Kappelerkrieg allzu heiss und Müller Pfarrer in Thalwil wurde.

Fehlende Volksunterstützung
«Bei genauem Hinsehen zeigt sich also: Es war gar nicht so klar, dass die Reformation in Zug nicht würde Fuss fassen können», sagt Josef Lang. Zug blieb letztlich trotzdem katholisch, und zwar nicht nur, weil bei einer Abkehr vom Katholizismus die für den Kanton beträchtlichen Einnahmen aus der Reisläuferei weggefallen wären. Lang: «Es fehlte in der ländlichen Bevölkerung auch ein inhärentes Bedürfnis zu einer solch tiefgreifenden Veränderung. Die Gläubigen wählten den Pfarrer selber, der seine Pfarrei nicht an einen anderen Geistlichen verpfründen durfte.» Der Zehnte wurde direkt dem örtlichen Pfarrer abgeliefert; im Zürcher Hinterland hingegen kam ein Mönch, welcher den Zehnten für das weit weg gelegene Kloster Rheinau eintrieb. Auch die «wohlfeile» Heilsversorgung war in der Innerschweiz im Gegensatz zu Zürich weitgehend garantiert. «Und schliesslich ging es um die Frage der fremden Richter», erklärt der Historiker. «In der Innerschweiz sorgte der Pfaffenbrief dafür, dass die lokale Obrigkeit für Konflikte zuständig war – in Zürich wurden solche Konflikte vom weit entfernten Gericht in Konstanz verhandelt, was dem Volk sauer aufstiess.»

Zweiter zwinglianischer Anlauf
Während sich die Reformation zwinglianischer Prägung in Zürich und Umgebung also mithilfe des Volks festsetzen konnte, besiegelten die verheerenden Niederlagen der Protestanten im Zweiten Kappelerkrieg und kurz darauf in der Schlacht am Gubel 1531 die katholische Ausrichtung Zugs und der Innerschweiz endgültig. Noch 1850 gab es in Zug nur 125 Reformierte unter gut 17’000 Einwohnern. Doch auf wirtschaftlichem Weg streckte Zwingli schliesslich 300 Jahre nach seinem Tod erneut die Fühler nach Zug aus. Der erste Zürcher Protestant, der sich auf diese Weise festsetzen konnte, war ein Zürcher namens Vogel, der im Rahmen eines Konkursverfahrens Eigentümer der Hammerschmiede in Cham wurde – trotz Protesten des Chamer Pfarrers und einflussreicher Familien. «Dessen Sohn, Heinrich Vogel- Saluzzi, gründete schliesslich die Chamer Papierfabrik», so Lang. «Er engagierte sich stark für die Gründung einer Reformierten Kirchgemeinde, weil sich in der noch jungen Zuger Industrie immer mehr reformierte Facharbeiter aus Zürich ansiedelten.» So auch in Baar und Unterägeri, wo der katholische Unternehmer Wolfgang Henggeler per Heirat mit der reformierten Thalwilerin Barbara Schmid den Geldern aus reformierten Kreisen das Tor öffnete und sich an diversen Spinnereien und Webereien beteiligte. In der Spinnerei an der Lorze entstand schliesslich die erste Reformierte Kirche im Kanton Zug.

Erzwungene Gleichberechtigung
Der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte – aber keineswegs eine reibungslose. So stritt man sich beispielsweise in Unterägeri gegen Ende des 19. Jahrhunderts, ob Protestanten neben Katholiken beerdigt werden und ob dabei dieselben Glocken läuten dürfen. Es bedurfte der Totalrevision der Bundesverfassung von 1874, um die konfessionelle Neutralität von Bundesstaat, Volksschule und Friedhöfen durchzusetzen. Trotz allem blieb die katholische Identität im Kanton Zug noch lang so ausgeprägt, dass von einer Gleichberechtigung der Konfessionen keine Rede sein konnte. «Im gesellschaftlichen Leben kam es trotzdem immer wieder zu Diskriminierungen von Reformierten », sagt der Josef Lang. «Der Vater des ehemaligen Zuger Kantons- und Regierungsrats Hanspeter Uster wollte zum Beispiel Schulhausabwart werden. Als Reformierter hatte er jedoch keine Chance auf den Posten.» Mitschuld an solchen Benachteiligungen tragen, so Lang, auch die Feiern zum Gedenken an die Schlacht am Gubel: «Die Veranstaltung war lange Zeit nichts anderes als eine Feier der katholischen Identität und eine Veranstaltung gegen Protestantismus und später Liberalismus.» Erst 1981 habe die erste wirklich ökumenische Gubelfeier stattgefunden.

Der lange Arm Zwinglis
Auch wenn die Bedingungen nicht leicht waren, profitiert der Kanton Zug bis heute von den zwinglianisch-protestantischen Einflüssen – auch dank der liberal-katholischen Kräfte, die dies zuliessen. Lang: «Alle grossen Zuger Fabriken, von der Hammerschmiede in Baar über die Metalli und V-Zug in Zug selbst bis hin zu Landis + Gyr legen davon Zeugnis ab.» Die protestantischen Unternehmer spielten in der Folge eine Rolle im politischen Freisinn, die protestantischen Arbeiter in der Sozialdemokratie und bei den Gewerkschaften. Grund genug also, den Zürcher Reformator zu feiern und vielleicht daran zu erinnern, dass Zwingli in Zug in der Geschichte mindestens ebenso viel Anti-Zwingli entgegenstand.

Zwingli auf der Leinwand
Pünktlich zum Jubiläum kommt Huldrych Zwingli das erste Mal seit 1983 wieder zu cineastischen Ehren. «Zwingli» beschreibt das Wirken des Reformators aus der Sicht von Anna Reinhart, Zwinglis Ehefrau (Sarah Sophia Meyer). So entsteht ein Porträt, das den Jubilar (Max Simonischek) als einen Menschen voller Widersprüche beschreibt: geradezu getrieben, wenn er gegen die Missstände in der Katholischen Kirche predigt, und dennoch voller Nächstenliebe im Alltag. Die Verfilmung hat sogar einen Hauch von Hollywood, denn den Part von Zwinglis engstem Mitarbeiter, Leo Jud, übernimmt Anatole Taubmann, bekannt aus Filmen wie «James Bond 007: Ein Quantum Trost», «Die Päpstin» und «Captain America – The First Avenger». Ab Januar in den Kinos.

Text: Erik Brühlmann, Kirche Z 1/2019

 

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