Kirche Z

Mein Kirchenraum: Steinhausen

   
Jede Pfarrperson assoziiert etwas anderes mit dem Begriff Kirchenraum. Für den einen ist es einfach die Kirche, für die andere gleich der ganze Bezirk. In unserer neuen Serie erzählen die Zuger Pfarrpersonen, wie ihr persönlicher Kirchenraum aussieht. Es beginnt Pfarrerin Nicole Kuhns aus Steinhausen.

  
Es käme kaum jemand auf die Idee, dass sich in dem Betongebäude mit den Bullaugenfenstern, das ganz im architektonischen Stil der Endsiebziger gebaut ist, eine Kirche befinden könnte. Dass hier gleich zwei Kirchen untergebracht sind, die zwei Konfessionen unter ein Dach bringen, scheint noch abwegiger. Dass die beiden Steinhauser Kirchgemeinden inzwischen soweit zusammengewachsen sind, dass es zu Irritationen führen kann, wenn Angebote nicht ökumenisch stattfinden, ist wohl eine Ausnahmeerscheinung in der Schweizer Kirchenlandschaft.

Funktionsbau…
Bei Tageslicht von aussen betrachtet, wirkt das Kirchen- und Begegnungszentrum Chilematt in Steinhausen eher kühl und dunkel als einladend und freundlich. Leuchten am Abend im Inneren die Lichter und ist es belebt, wird es jedoch zu einem lebendigen Begegnungsort. Diese Momente liebe ich in meinem Kirchengebäude. Gedacht war es von den Initianten und Initiantinnen, die vom Geist der ökumenischen Bewegung bewegt waren, einst als ökumenische Zukunftsvision. Lang konnte ich mit seinem äusseren Erscheinungsbild wenig anfangen. Ein Mehrzweckbau eben. Erst bei genauerem Hinsehen und bei der Beschäftigung mit seiner Geschichte verstand ich mehr, und ich begann, das Chilematt zu schätzen.

…mit Hintergrund
Der Zürcher Architekt Ernst Gisel konzipierte das Kirchenzentrum als Arche, als Zufluchts- und Begegnungsort auf der «wilden See» des Lebens. In die obere Etage führt eine Gangway. Die Fenster sind angelehnt an die Bullaugen eines Schiffs. Im Boden des Vorplatzs gibt es eine Rinne zwischen Dorf und «Arche». Seit ich dieses Bild vom Schiff im Kopf habe, sehe ich im Winter von weitem schon den Rauch eines Dampfschiffs vor mir, wenn der Rauch aus dem Kamin aufsteigt. Im Inneren des Gebäudes herrschen helle Farbtöne vor, eine grosse Glasfront im Foyer – dem Marktplatz und verbindenden Treffpunkt des Gebäudes – öffnet den Blick nach draussen. Die beiden Kirchen besitzen kaum Fenster, und doch erscheinen sie durch das Licht, das durch die Oberlichter hineinstrahlt, hell und freundlich. Am intensivsten spürbar ist dies für mich am Ostermorgen.

Alles fliesst
Mein Kirchraum bedeutet vor allem auch ökumenische Gemeinschaft. Dies ist darin architektonisch sichtbar, dass der gemeinsame Taufbrunnen im Foyer aus dem gleichen Stein gestaltet wurde wie der Altar in der katholischen und der Ambo und die Kanzel in der reformierten Kirche. So ist deutlich erkennbar, wo der Hauptfokus der jeweiligen Tradition liegt – aber auch, was die Traditionen theologisch miteinander verbindet. Ein weiteres wichtiges Merkmal des Gebäudes ist das Fehlen jeglicher festinstallierter Bilder. Stattdessen liessen die beiden Kirchgemeinden im Lauf der Jahnzehnte von unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern Wandteppiche anfertigen, die theologische Themen aufgreifen. Die Wandteppiche können ihren Platz wechseln. Somit ist viel Gestaltungsspielraum möglich. Die Bilder sind im Foyer zur Betrachtung zugänglich und werden erklärt.

Leben!
Auch wenn wir die Funktionalität des Gebäudes schon heute sehr gut nutzen, sehe ich noch deutlich mehr Potenzial für die Zukunft. Das Gebäude bietet sich als Ort für Begegnung und Aktivität unterschiedlicher Generationen an. Wenn ich davon träume, wie das Chilematt einmal aussehen könnte, dann stelle ich mir ein Haus vor, dessen Türen offen sind und in dem man warmherzig empfangen wird. Auf mehreren Ebenen ist Raum für unterschiedliche Bedürfnisse. Es ist erfüllt von Leben. Im Foyer gibt es ein Café. Eine Nische bietet Raum für Erholung, daneben befinden sich Internetarbeitsplätze. In einem Raum findet zweimal am Tag eine Meditation statt, ansonsten wird er als Raum der Stille genutzt. Beim Eingang gibt es einen Helpdesk, der immer besetzt ist und an dem reformierte Pfarrpersonen und Sozialdiakoninnen und Sozialdiakone gemeinsam mit dem katholischem Seelsorgeteam Gastgeber sind – offen für Gespräche über Gott und die Welt, Beratung und Seelsorge.

Angebote für alle
Vielleicht finden sich auch nach und nach Interessengruppen zu bestimmten Themen zusammen. Im unteren Stockwerk ist fix ein Spielzimmer eingerichtet, mit Krabbeldecke für die Kleinsten, daneben ein Mal- und Kreativraum für die grösseren Kinder. Beim Spielecafé im Obergeschoss begegnen einander verschiedene Generationen in ungezwungenem Rahmen. Neben den bereits bestehenden gemeinsamen Essen während der Woche gibt es in meiner Vision am Sonntag vor dem Gottesdienst Kaffee, Tee und Gipfeli im Foyer. Ein einfaches Zmittag beschliesst den gemeinsamen Sonntag. Vielleicht findet der Gottesdienst aber auch am Abend statt... Mitten in all dieser Lebendigkeit spüren wir die Verbundenheit untereinander durch unseren Glauben. Das Chilematt bietet viele Möglichkeiten, die darauf warten, entdeckt zu werden. Schauen Sie doch einmal herein, und lassen Sie sich inspirieren!

Text: Kirche Z 1/2020, Nicole Kuhns, Pfarrerin Steinhausen

 

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