50 Jahre Frauenstimmrecht

 
50 Jahre Frauenstimmrecht: Ein weiter Weg

Am 7. Februar 1971 erhielten die Frauen in der Schweiz das Stimm- und Wahlrecht. Endlich – dafür hatten sie jahrzehntelang gekämpft. Bereits 1928 zeigten sie an der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit, kurz SAFFA, mit einer riesigen Schnecke, was sie vom Tempo in der Politik hielten.

«Das kann man den Frauen doch nicht zumuten!»
Am 7. Februar jährt sich ein wichtiges Ereignis in der Schweizer Geschichte zum 50. Mal: An diesem Tag im Jahr 1971 wurde das Frauenstimmrecht eingeführt. Wir zeichnen die Entwicklung nach und sprachen mit Frauen, die einst an vorderer Front für etwas kämpften, das eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Frauen zeigen heute oft, wo’s langgeht.
Zumindest in der Politik – das belegt eine Studie der britischen Sozialwissenschaftlerin Rosalind Shorrocks, die 25 Jahre lang das Wahlverhalten in westlichen Gesellschaften untersuchte. Ihr Fazit: In Parlamenten und Regierung sind Männer zwar nach wie vor dominanter – geht es jedoch um Volksabstimmungen, setzen sich häufiger die Positionen durch, die eher von Frauen vertreten werden. Eigentlich erstaunt das nicht – Frauen bilden ja eine Mehrheit der Gesellschaft. Und doch ist das, was uns heute ganz selbstverständlich erscheint, noch relativ jung. Frauen können in der Schweiz – und im Kanton Zug – erst seit 1971 abstimmen. In diesem Jahr waren die Beatles bereits aufgelöst, die Mondlandung lag zwei Jahre zurück, die Moderne war längst da.

Strikte Rollenverteilung
Warum ging es so lang, bis die Frauen dieselben politischen Rechte wie die Männer erhielten? Ja, warum kam es überhaupt so weit, dass ein «Frauenstimmrecht » an der Urne beschlossen werden konnte – wie wurde einst begründet, die Frauen dürften sich an der Demokratie nicht beteiligen? «Jeder hatte früher eben eine eigene, auf das Geschlecht zugeschnittene Aufgabe», sagt Brigitte Profos, frühere Zuger Kirchenratspräsidentin, Kantonsrätin und Regierungsrätin sowie Mitglied der Zuger Gleichstellungskommission. Die 77-Jährige kann sich noch gut an diese Zeit erinnern. «Der Mann ging arbeiten, um die Familie zu ernähren, die Frau war daheim für Kind und Haushalt zuständig. Die politische Beteiligung gehörte damals einfach nicht zu den Aufgaben der Frau.» Ins gleiche Horn stösst Brigitta Kühn, ehemalige BKP-Präsidentin im Bezirk Zug und Präsidentin der Zuger Frauenzentrale. Sie war um die 20 Jahre alt, als das Frauenstimmrecht eingeführt wurde. «Für die meisten Entscheide war zuvor der Mann zuständig – auch für solche über die Frau», sagt sie. «Wollte die Frau zum Beispiel einen Beruf ausüben, benötigte sie seine Bewilligung. Zudem bestimmte der Ehegatte über den Wohnsitz der Familie, und er verwaltete das Gesamtgut.» Da Frauen nicht für diese Bereiche zuständig waren, habe man sie ihnen nicht zugetraut. «Genauso traute man dem Mann nicht zu, für die Kinder und den Haushalt sorgen zu können. Man hatte einfach seine Aufgaben und blieb dabei.»

Angst um die Kinder
Auch Käthi La Roche erlebte diese Zeit mit. Die Frau, die später als erste Pfarrerin am Grossmünster wirkte, wuchs in einem Umfeld auf, in dem man gegen das Frauenstimmrecht war. «Meine Mutter war gelernte Drogistin», erzählt die 72-Jährige. «Sie war stolz darauf und hätte gern wieder diesen Beruf ausgeübt. Mein Vater aber meinte, das sei nicht nötig, er könne die Familie selber ernähren. Diese Familienstrukturen waren stark in den Köpfen verankert.» Und eine politisch aktive Frau hätte eben diese Strukturen durcheinandergebracht. Das machte Angst. «Es klingt komisch, aber man hatte damals wirklich auch Angst um die Kinder», sagt Käthi La Roche. «Man dachte, der Frau würde es nebst ihren anderen Aufgaben zu viel werden, auch noch abstimmen zu müssen. Im Umkehrschluss hätte das bedeutet, dass eine politisierende Mutter ihre Kinder vernachlässigt hätte.» Moralisch sei damals alles sehr eng gewesen. «Viele kamen nicht auf die Idee, an diesen Rollenbildern zu rütteln.»

Skandal!
Aber natürlich gab es solche, die daran rüttelten. Und das schon recht früh. Als die Bundesverfassung erstmals revidiert wurde – zwischen 1860 und 1874 –, organisierten sich Frauen zu einer Bewegung, die ein Frauenstimm- und Wahlrecht forderten. Sie blieben erfolglos, brachten aber den Stein ins Rollen. 1886 reichten 139 Frauen unter Führung der als erste Schweizer Frauenrechtlerin bekannten Marie Goegg-Pouchoulin eine Petition an das Parlament ein. Um die Jahrhundertwende bildeten sich im ganzen Land Vereine für das Frauenstimmrecht, die grössten darunter waren der Bund schweizerischer Frauenvereine und der Schweizerische Verband für das Frauenstimmrecht (SVF). 1918 forderten die Frauen vom Bundesrat in zwei Motionen eine Verfassungsänderung, die das Frauenstimmrecht ermöglichte. Im Sommer 1928 fuhren an der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit, kurz SAFFA, ein paar Frauen in einer riesigen Schnecke namens «Frauenstimmrecht» beim Umzug mit, wofür sie heftige Kritik ernteten. 1957 kam es dann zu einem veritablen Skandal: Bei einer Volksabstimmung darüber, ob der Zivilschutz für Frauen obligatorisch werden sollte, gingen die Frauen der Walliser Gemeinde Unterbäch abstimmen. Ihre Stimmen wurden zwar für ungültig erklärt, die Aktion war dennoch ein wichtiger Anstoss für die weitere Frauenrechtsbewegung.

Zuger Frauenzentrale gibt Frauen eine Stimme
Davon waren auch die Zuger Frauen aktiver Bestandteil. 1967 bis 1969 bildeten sich im Kanton Zug immer mehr Frauenorganisationen. Diese schlossen sich am 25. September 1969 zur Zuger Frauenzentrale zusammen. Brigitta Kühn: «Ihr Ziel war es, die Mündigkeit und Stellungnahme der Frau zu Fragen vom öffentlichen, sozialen und politischen Leben zu gewährleisten. Frauen eine Stimme zu geben hiess aber nicht allein, ihnen auf politischer Ebene das Stimmrecht zu ermöglichen. Es ging darum, die Frau als ganzen Menschen wahrzunehmen, als gleichberechtigt, sie nicht mehr zu reduzieren auf die damaligen drei Ks – Küche, Kinder und Kirche.» Die Frauenzentrale wollte also zum Beispiel die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für die Frauen verbessern. Deshalb führte sie einen wöchentlichen Kinderhütedienst sowie Bildungsangebote für Frauen und Familie ein. Brigitta Kühn: «Für viele war das ehrenamtliche Engagement in der Frauenzentrale später ein Sprungbrett in die Politik.»

Pfarrerinnen? Illegal!
Das dritte der drei Ks, die Kirche, war allerdings auch nicht unbedingt der Ort, wo sich Frauen gänzlich entfalten konnten. Als Käthi La Roche 1968 ihr Theologiestudium begann, sass sie mit einem Haufen Männern und zwei weiteren Frauen in einem Saal. Da meinte der Dekan der theologischen Fakultät: «Meine Damen, dieser Beruf ist nichts für Sie. Das ist ein Männerberuf.» Denn bei den Reformierten hiess es: «Die Kirche sollte die Frau zum Mutterberuf erziehen oder als wohltätige Mithelferin. Sie ist nicht dazu geschaffen, in die Abgründe des menschlichen Lebens zu sehen.» Man ging davon aus, dass jedes Geschlecht eine eigene Natur besass und somit einen festen Wirkungsbereich erhalten musste. Das Pfarramt war den Frauen in der reformierten Kirche folglich verwehrt. 1931 ereignete sich im Bündner Bergdorf Furna indessen Unerhörtes: Greti Caprez wurde trotz Verbot zur ersten Pfarrerin der Schweiz gewählt – und war danach für drei Jahre illegal als Pfarrerin tätig.

«Hülfskraft der Herren Geistlichen»
1918 fand in der Schweiz erstmal eine Frauenordination statt. Ordiniert wurden zwei Theologinnen, eine davon war Rosa Gutknecht. Das Pfarramt übernehmen durfte Rosa Gutknecht trotzdem nicht in vollen Zügen. In der Kirchgemeinde Grossmünster wurde sie als «Hülfskraft der Herren Geistlichen» angestellt und war somit eine Art Stellvertretung des Pfarrers. Das allerdings nur solang sie ledig war: «Eine Frau, die Mutter und Ehefrau ist, sollte ihre Kräfte auf ebendiese Tätigkeiten verwenden», schreibt Sarah Sommer in der Broschüre «Der lange Weg der Frauen ins Pfarramt» der reformierten Kirche Kanton Zürich. «Das bedeutete für eine Theologin also immer die Wahl zwischen Beruf und Familie. »

Mental zu schwach?
Gutknechts grosses Engagement veranlasste die Zürcher Kirche 1921 dazu, eine Änderung der Kirchenordnung zu beantragen, um den Frauen den Weg ins Pfarramt zu öffnen. Der Regierungsrat verweigerte die Änderung jedoch: Man könne Frauen als nicht aktive Bürger nicht in ein öffentliches Amt wählen. Auf eine spätere Behauptung eines Gegners der Frauenordination, Frauen seien physisch und mental zu schwach, um ein Pfarramt zu übernehmen, konterte Rosa Gutknecht mit einem Zitat aus der Bibel, 2 Kor 12,9: «In der Schwachheit vollende sich die Kraft Gottes. » Immer mehr Theologinnen, die ähnliches erlebt hatten, schlossen sich zusammen. 1939 entstand der Verband der Schweizer Theologinnen.

Die sündige Eva und der männliche Gott
Frauen, die sich in der Kirche engagierten, untersuchten auch vermehrt das Frauenbild, das die Bibel vermittelt. In den späten 1960er-Jahren entstand dann die sogenannte feministische Theologie. Diese stellt traditionelle Gottesbilder wie etwa Gott als Mann, aber auch religiöse Institutionen und Praktiken in Frage, indem sie die Bibel aus feministischer Perspektive liest. Die feministische Theologin und Publizistin Doris Strahm bezeichnet die feministische Theologie als «fundamentale Kritik an den patriarchalischen Strukturen und der Frauenfeindlichkeit in der christlichen Religion». Gleichzeitig gehe es aber auch um eine Neuformulierung der Bibel aus der Sicht der Frauen. Doris Strahm: «Feministische Theologie ist wichtig, weil die Kirchen und die Theologie massgebend an der Entstehung der hierarchischen Geschlechterrollen und einem negativen Frauenbild beteiligt waren.» Dazu gehöre etwa die Abwertung und Verteuflung der Frau als sündige Eva, die den Mann zur Sünde verführt, oder ein männliches Gottesbild, das suggeriert, der Mann sei gottesähnlicher als die Frau. Brigitte Profos ist froh darüber, dass die feministische Theologie entstand. «Früher war Feministin ein Schimpfwort. Daher galt feministische Theologie anfangs als verpönt. Sie öffnete mir aber ganz neue Perspektiven. Auf einmal sah ich: Ah, da bin ja auch ich gemeint.»¨

Schritt für Schritt
Zurück zur Politik: 1959 stimmten noch zwei Drittel der Männer gegen das Stimmrecht der Frau, am 7. Februar 1971 sagte dann eine ähnlich grosse Mehrheit ja. Im Kanton Zug erfolgte an diesem Tag die Einführung des Frauenstimmrechts auf allen drei Staatsebenen – eidgenössisch, kantonal und kommunal. Zudem war die Stimmbeteiligung mit 66,3 Prozent in Zug bei dieser Abstimmung überdurchschnittlich hoch. Dem Stimmrecht folgten noch viele weitere Schritte auf dem Weg zur Gleichberechtigung. 1988 wurde das neue Ehegesetz eingeführt, das die ursprüngliche Rollenverteilung in vielerlei Hinsicht auflockerte. Die Frau war nun zum Beispiel berechtigt, einen Vertrag ohne Zustimmung des Ehemanns zu unterschreiben.

Grosses Thema: Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Heute sind politisch aktive Frauen Normalität. Doch noch ist vollständige Gleichberechtigung nicht verwirklicht; auf beiden Seiten. Der nicht erklärbare Unterschied zwischen Männer- und Frauenlöhnen beträgt momentan immer noch 7,7 Prozent. Brigitte Profos findet besonders wichtig, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert wird. «Diese ist heute noch nicht ausreichend gewährleistet, weder für Frau noch Mann. Teilzeit-Arbeit ist für Männer in vielen Firmen noch immer schwierig. Es heisst: Vollzeit oder keine Karriere. » Was aber optimistisch stimmt: Der Anteil an Teilzeit arbeitenden Männern nimmt kontinuierlich zu – er stieg von 10,3 Prozent im Jahr 2000 auf 17,5 Prozent 2016.

Halbe-halbe nicht zwingend
Auch in der Kirche gibt es noch Handlungsbedarf. Bei der Katholischen Kirche ist er deutlich – sie kennt noch immer kein Pfarramt für Frauen –, in der reformierten Kirche ist er gemäss Dorothea Forster aber ebenfalls vorhanden. «Auf dem Papier sind wir gleichberechtigt», sagt die Präsidentin der Evangelischen Frauen. «Doch in kirchlichen Gremien sitzen noch immer deutlich mehr Männer als Frauen. Das liegt vor allem an der mangelnden Vereinbarkeit von Familie und Beruf.» Ein Drittel der Pfarrämter in der Schweiz ist heute von Frauen besetzt; das ist besser als je, aber für Dorothea Forster noch nicht genug. In den Exekutiven der Kantonalkirchen sind über 60 Prozent Männer, nur drei von sechsundzwanzig Mitgliedkirchen der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) haben eine Präsidentin. Im Oktober 2020 wurde mit Rita Famos erstmals eine Frau Präsidentin der EKS. Gelegentlich ist die Forderung zu hören, kirchliche Gremien müssten zu 50 Prozent mit Frauen besetzt werden. Dazu meint Brigitta Kühn: «Für mich muss ein Gremium nicht zwingend hälftig aus Frauen und Männer bestehen. Aber ich habe ein Problem damit, wenn ein Gremium nur aus Männern besteht. Dann frage ich mich: Wie bringt ihr es fertig, dass keine einzige Frau hier sitzt? Man kann eine Frau ja auch anfragen.» Zudem verfolgt die heutige Frauenrechtsbewegung der Kirche Motive der feministischen Theologie: «Noch immer wird Gott in der Regel als Mann angesprochen. Wir möchten die Frau mehr einbeziehen.»

«Wir sind nicht nur benachteiligt»
«Wichtig ist das Bewusstsein, dass die totale Gleichberechtigung noch nicht erreicht ist und man weiterhin etwas dafür tun muss», sagt Käthi La Roche. «Gleichzeitig ist es auch unglaublich, wie viel sich in den letzten 50 Jahren getan hat. Es sind zwei Welten.» Die Gesellschaft habe den Frauen, die sich so ambitioniert für das Frauenstimmrecht einsetzten, unglaublich viel zu verdanken. «Es brauchte sehr viel Geduld. Und doch haben sie nie aufgegeben. Jetzt sehen wir, dass es sich mehr als gelohnt hat.» Käthi La Roche findet es wichtig, stets positiv zu bleiben. «Was wir nicht dürfen, ist sauer und verbittert werden. Wir sollten stolz darauf sein, Frauen zu sein. Wir haben nämlich auch einen Trumpf in der Hand: Kinder kriegen ist eine unglaubliche Potenz – das macht uns stark. Wenn wir nur sehen, was wir nicht haben, macht uns das schwach. Wir sind nicht nur benachteiligt. » Brigitta Kühn ergänzt: «Information und Kommunikation sind sehr wichtig. Jede Frau hat andere Grenzen, daher sollen Frauen ausdrücken, wo sie sich diskriminiert fühlen.» Zudem sei das Vernetzen von Frauen wichtig. Und zwar ohne die Männer auszuschliessen. «Wir dürfen jetzt auf keinen Fall dasselbe tun, was man damals mit uns machte.»

Durch Gleichstellung gewinnen alle
Auch Brigitte Profos findet, dass es bei der Gleichstellung nicht nur um die Frauen geht. «Die Aufgabe, allein die Familie zu ernähren, stürzte auch viele Männer in Krisen. Mein Vater war Arzt und bekam das teilweise mit. Alleinernährer zu sein war mit einem immensen Druck verbunden – oft verfielen die Männer als Folge dem Alkohol. Eine solche Rollenverteilung ist für beide, Frau und Mann, weder gerecht noch gesund. Frauen sollen mit ihren heutigen Ausbildungen durchaus auch mitverdienen. Durch Gleichberechtigung gewinnen wir alle!»

Text: Kirche Z 2/2021, Nina Moser und Marius Leutenegger

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