Und siehe, es war sehr gut

Die Schöpfungszeit vom 1. September bis 4. Oktober folgt seit 2016 thematisch den klassischen fünf Sinnen. Dieses Jahr steht das Sehen im Zentrum. Weltweit wird im September die Schöpfungszeit gefeiert: Die Gläubigen sind dazu aufgerufen, für den Schutz der Schöpfung zu beten und sich auf ihre Verantwortung für sie zu besinnen. Angesichts des Klimawandels und der Corona-Pandemie kommt der Schöpfungszeit dieses Jahr eine besonders wichtige Bedeutung zu: Nachhaltigkeit und das Sorgetragen zu unserer Erde sind wichtiger als je zuvor.

Früher und heute
Die Ernte spielte früher eine überlebenswichtige Rolle für uns Menschen: War die Ernte mager, musste man sich auf einen harten Winter einstellen. War sie aber reich, konnte man aufatmen. Für den Reichtum dankt man bis heute in allen Kulturen und Religionen dem Gott oder den Göttern. In der christlichen Tradition wird dies im Rahmen des Erntedankfests getan. Aufgrund der verschiedenen Klimazonen der Welt wurde das Fest an verschiedenen Daten gefeiert. 1980 schlug das Patriarchat von Konstantinopel vor, einen «Tag der Schöpfung» einzuführen. An der dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung der Kirchen im rumänischen Sibiu 2007 wurde die Empfehlung einer Schöpfungszeit ausgerufen, die einen Monat dauert. Der Schweizer Verein «oeku Kirche und Umwelt» nahm sich dieses Vorschlags an. Der Monat zur Feier der Schöpfung sei in der Schweiz sehr willkommen, weil das sehr viel Spielraum lasse, erklärt der Theologe und Leiter der Fachstelle «oeku Kirche und Umwelt», Kurt Zaugg-Ott.

Und siehe, es war gut
Im Rahmen der Schöpfungszeit wird jedes Jahr ein Thema festgelegt. Diesmal steht der Sehsinn im Zentrum, als Abschluss der Themenreihe «Fünf Sinne». Unser Sehsinn liefert bis zu 80 Prozent der Informationen über die Aussenwelt, das Auge wird als «Tor zur Welt» betrachtet. Auch im biblischen Kontext ist der Sehsinn wichtig. In der Schöpfungsgeschichte spricht Gott am sechsten Tag die berühmten Worte: «Und siehe, es war sehr gut.» (Gen 1,31) Dem Sehsinn kommt auch bei Jesus grosse Bedeutung zu. Er gab Blinden ihr Sehvermögen zurück, oder er half Gläubigen, Gott «zu sehen»: «Selig aber eure Augen, weil sie sehen», (Mt 13,16) sagte Jesus zu seinen Jüngern, da diese das Kommen des Gottesreichs erkannten. Mit den Augen nehmen wir aber auch die Zerstörung der Schöpfung wahr. Die Corona-Pandemie habe das Bewusstsein der Menschen für diesen Aspekt wohl gestärkt, meint Kurt Zaugg- Ott: «Ich glaube, diese spezielle Zeit hat vielen gezeigt, wie wichtig die nähere Umgebung und die Natur für das persönliche Wohlbefinden sind und wie stark wir sie durch unser Verhalten gefährden. Dies wird hoffentlich auch in den Schöpfungsgottesdiensten thematisiert.»

Permakultur und das Leben im
Einklang mit der Schöpfung Pfarrpersonen im Kanton Zug beschäftigen sich natürlich auch ausserhalb der Schöpfungszeit mit dem Thema. Zum Beispiel Helen Jaeggi Kosic, die in verschiedenen Bezirken der Reformierten Kirche Kanton Zug als Vertreterin gewirkt hat. Auf der Suche nach einer Vereinbarung von Frieden, Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung stiess sie auf die Permakultur, ein nachhaltiges Konzept für Landwirtschaft und Gartenbau, das darauf basiert, natürliche Ökoysteme und Kreisläufe in der Natur genau zu beobachten und nachzuahmen. In Bosnien und Herzegowina gründete sie 2006 den Permakulturhof «Farma Transforma», 10 Jahre später kamen die Genossenschaft AGORA und die Stiftung SOLINET dazu. Wichtiges Element der Permakultur ist die Gemeinschaft. Die Kirchgemeinde sei eine solche, und Helen Jaeggi Kosic meint, dass Permakultur die Gemeinschaft um die Kirche positiv beeinflussen kann – zum Beispiel, wenn es um die Gestaltung von Grünraum oder um den Umgang mit Ressourcen geht. «Die Permakultur will Fülle imitieren, damit steht sie im Einklang mit dem christlichen Verständnis von Schöpfung», sagt Helen Jaeggi Kosic.

Sehen und Permakultur
Der diesjährige Fokus auf den Sehsinn passt gut zum Konzept der Permakultur: «Der erste Schritt im Permakultur-Designprozess ist das Beobachten der Natur, das Erkennen von Strukturen im Gelände, das Entdecken und Sehen von Zusammenhängen.» Dies sei ein Prozess, der gelernt werden müsse – in der Permakultur wie im Glauben. Oftmals erkennen wir nur das, was wir erkennen wollen. Die Schöpfungszeit kann uns hier den Weg leiten, damit wir sehen, was wirklich wichtig ist. Ganz gemäss Psalm 36: «In deinem Licht sehen wir das Licht.»

Text: Kirche Z 9/2020, Michelle Becht

 

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