Ratio und Spiritualität zusammenbringen

Die Reformierte Kirche Kanton Zug befragte Zugerinnen und Zuger nach ihren spirituellen Bedürfnissen. Die Ergebnisse wurden dem Grossen Kirchgemeinderat in seiner Sitzung Anfang September präsentiert.

Der Auftrag, den die Reformierte Kirche Kanton Zug vor zwei Jahren an die Kommunikationswissenschaftlerin Brigitte Gasser vergab, war mutig und in der Schweiz wohl einzigartig: Eine Mitgliederbefragung sollte dem kirchlichen Slogan «Kirche mit Zukunft» eine Richtung geben. Dabei ging es nicht einfach darum, eine Liste mit Checkboxen zu erstellen und ausfüllen zu lassen. Es war auch nicht das erklärte Ziel des Projekts, statistisch relevante Datensätze zu liefern. Denn solche Ansätze geben nur Antworten auf Probleme, die man bereits kennt. Die Befragung sollte deshalb einen qualitativen und ergebnisoffenen Ansatz verfolgen. Sie sollte nicht ans Licht bringen, was die Reformierte Kirche Kanton Zug richtig oder falsch macht, sondern aufzeigen, welche Bedürfnisse in Bezug auf Glaube, Werte und Spiritualität vorhanden sind; eine Basis für künftige Entscheidungen einer Kirche mit Zukunft schaffen.

Viele Interviews
Grundlage der Mitgliederbefragung waren Interviews mit Mitarbeitenden der Reformierten Kirche Kanton Zug. «Diese Interviews zeigten deutlich, wie engagiert die Mitarbeitenden sind», sagt Brigitte Gasser. «Alle sind in ihren jeweiligen Bereichen sehr aktiv und arbeiten akribisch an ihren Angeboten. » Allerdings zeigte sich bei den Interviews der eigentlichen Mitgliederbefragung, dass diese Angebote nicht im Zentrum des Interesses stehen. Was die befragten Personen im Hinblick auf die Kirche interessierte, waren vielmehr die grossen Fragen, welche die Gesellschaft und den modernen Menschen beschäftigen: Umwelt, Reichtum und Armut, Spiritualität und so weiter. Die interne und die externe Sicht der Dinge scheinen also verschieden zu sein. Oder wirtschaftlich formuliert: Die Kirche führt ein Angebot, für das wenig Nachfrage besteht. «Ich denke, es besteht eine Déformation professionelle», so Brigitte Gasser, «und diese lenkt die Aufmerksamkeit in einer Art Tunnelblick so sehr auf Internes, dass das Externe aus dem Blick gerät.»

Sind dann mal weg – aber nicht für immer
Ein Thema, das nicht nur die Zuger Reformierten, sondern alle Landeskirchen der Schweiz beschäftigt, ist die Zahl der Kirchenaustritte. «Es hatten sogar sehr treue Mitglieder Verständnis für Menschen, welche die Kirche verlassen», sagt Brigitte Gasser. Allerdings zeigte die Befragung, dass Ausgetretene nicht automatisch für immer verlorene Schäfchen sind. Vielmehr sehen die Befragten die Kirchenzugehörigkeit als einen Prozess: In manchen Lebensphasen wollen sie dabei sein, in anderen nicht. «Personen, die aus der Kirche austreten, sind Suchende», erklärt die Kommunikationswissenschaftlerin. «Wenn sie das, was sie suchen, nicht in der Kirche finden, suchen sie es eben woanders. Aber das heisst nicht, dass sie Jahre später, wenn sie andere spirituelle Bedürfnisse haben, nicht auch wieder in die Kirche eintreten.» Man ist heute weder ein ganzes Leben lang kirchenfern noch kirchennah. Die herausfordernde Aufgabe der Kirche müsse es aber sein, genau dann präsent zu sein, wenn die Menschen das Bedürfnis nach Kirchennähe haben.

Wunsch nach Berührendem
Was der Interviewerin auffiel: Niemand der 15 Befragten nutzte die Gelegenheit, um seinem Ärger über die Kirche Luft zu machen. Niemand sah die Kirche als Feindbild – aber es herrschte gleichzeitig Ratlosigkeit darüber, wie die Kirche denn idealerweise sein soll. «Leider stand am Ende der Befragungen keine Liste mit 10 Angeboten, welche die Reformierte Kirche unbedingt einführen müsste, um attraktiv für die Zukunft zu sein», sagt Brigitte Gasser. Deutlich wurde immerhin, dass den Befragten Spiritualität wichtig ist und dass die Kirche beim Thema Spiritualität irgendwie einen Teil beansprucht. Dasselbe gilt jedoch auch für Erfahrungen mit der Natur und der Musik, Yoga, Meditation und vieles mehr. Spiritualität ist heutzutage offenbar eine facettenreiche, individuelle Mischung – «auch wenn Kirche und Musik sehr oft miteinander assoziiert wurden». Die Menschen wollen einfach auf irgendeine Weise spirituell berührt werden. «Und hatten die Befragten einen Wunsch an die Kirche, dann war es der, seelisch und geistig stärker berührt zu werden», fasst Brigitte Gasser zusammen. Die Befragung wurde vor der Covid-19-Pandemie durchgeführt, die solche Berührungsmöglichkeiten seit Monaten einschränkt. Die Kommunikationswissenschaftlerin vermutet deshalb, dass der Wunsch nach spiritueller Berührung in dieser Zeit noch gewachsen ist.

Gottesdienste und ein Bildungsauftrag
Nach wie vor werden Gottesdienste als fester Bestandteil dessen gesehen, was die Kirche ausmacht. Allerdings ist er den Befragten ganz unterschiedlich wichtig. Während einige den Gottesdienst als gegeben ansehen, ohne sich wirklich dafür zu interessieren, können andere nachvollziehen, dass die Kirchen am Sonntagmorgen nach einer anstrengenden Arbeitswoche leer bleiben. «Gleichzeitig herrscht aber auch die Meinung vor, dass es keinen idealen Zeitpunkt gibt, an dem ein Gottesdienst automatisch mehr Besuchende anziehen würde», sagt Brigitte Gasser. Ein ebenfalls häufig präsentes Thema war in den Befragungen der Spagat zwischen aufgeklärtem Denken und der Akzeptanz des wissenschaftlich Unerklärbaren. «Man könnte durchaus sagen, dass die Befragten beides brauchen: die Ratio und das Spirituelle», so die Leiterin der Befragung. «Bei einigen konnte man spüren, dass dies zu Spannungen führt – besonders, wenn es darum geht, Kindern Religion zu erklären.» Einigkeit bestand unter den Befragten darin, dass die Kirche einen Bildungsauftrag haben müsse. Der Religionsunterricht müsse daher unbedingt bestehen bleiben. «Aber auch bei gesellschaftlichen Diskussionen muss sich die Kirche nach Ansicht der Befragten stärker oder überhaupt einbringen », sagt Brigitte Gasser. «Der Wunsch, dass die Kirche eine Meinung haben und diese auch nach aussen vertreten müsse, kam in den Interviews deutlich heraus.»

Wie weiter?
Was sollen die Verantwortlichen der Reformierten Kirche Kanton Zug nun mit diesen Resultaten anfangen? «Patentlösungen wurden leider keine aufgezeigt », sagt Brigitte Gasser. Einen einfachen, klar ersichtlichen Weg in eine erfolgreiche Zukunft hat die Befragung nicht ergeben. Eine grosse Chance liege kurzfristig sicherlich darin zu überlegen, wie man für die Menschen gerade während der Pandemie Möglichkeiten zur spirituellen Berührung schaffen kann. «Langfristig könnte sich die Kirche als eine Art Plattform etablieren», schlägt die Kommunikationswissenschaftlerin vor. Viele, vor allem ältere, Menschen würden gern Kurse, Diskussionsrunden oder andere Veranstaltungen selbst organisieren, haben aber weder die Räumlichkeiten noch das Material dafür. Hier könnte sich die Kirche als der Ort und die Organisation positionieren und etablieren, wo Menschen etwas für Menschen auf die Beine stellen können. Ein Ort der Begegnung und des Miteinanders, auch wenn der Impuls dazu von ausserhalb der Kirche selbst kommt.

Text: Kirche Z 10/2020, Erik Brühlmann
 

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