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Geglückte Integration: Eine neue Heimat

In der Schweiz leben über 60’000 anerkannte Flüchtlinge – hinzu kommt eine grosse Zahl von Menschen, deren Status noch nicht geklärt ist. Wie kann das Zusammenleben mit ihnen, die oft aus ganz anderen Kulturen stammen, gelingen? Im Umfeld der Kirche und darüber hinaus gibt es zahlreiche Initiativen, mit denen Flüchtlingen die Integration erleichtert wird. Wir zeigen Projekte in und um Zug, die Integration möglich machen.

Neues Leben im Pfarrhaus
Die Sonne scheint hell an diesem Dezembermorgen, als Michael Tesfay in Edlibach die Tür öffnet. In der Wohnung ist es ruhig, die Kinder sind in der Schule. Michaels Frau Tsega zieht sich nach der Begrüssung gleich wieder zurück, sie hat am Nachmittag eine Deutschprüfung und geht noch ein letztes Mal ihre Unterlagen durch.

Seit Anfang 2016 wohnt Michael Tesfay mit seiner Frau und den fünf Kindern in Edlibach. Als der Kanton auf der Suche nach Unterkünften für Flüchtlinge auch die Reformierte Kirche Kanton Zug anschrieb, war für den Kirchenratspräsidenten Rolf Berweger schnell klar, dass dieses Haus zur Verfügung gestellt werden kann. Michael Tesfay fühlt sich darin sichtlich wohl. «Wir sind hier sehr glücklich. Wir haben eine gute Wohnung und sehr freundliche Nachbarn.»

Michael Tesfay kam bereits zwei Jahre vor seiner Familie in die Schweiz. Wie viele andere in Eritrea wurde er nach dem regulären Militärdienst gezwungen, weiter fürs Militär zu arbeiten. «Ich hatte eine Familie und eine gute Arbeit, das kam für mich nicht in Frage.» Weil er den zusätzlichen und vertragswidrigen Militärdienst verweigerte, kam Michael Tesfay ins Gefängnis. Er verhandelte viel und wollte eine Lösung finden, doch das Regime liess nicht mit sich reden. Für Michael Tesfay kam am Ende nur die Flucht in Frage. Er gelangte zunächst in den Sudan und von da mit dem Flugzeug in die Schweiz. Von Anfang an hat Michael Tesfay, der fliessend Englisch, Tigrinya und Amharisch spricht sowie Italienisch versteht, für andere übersetzt und ihnen seine Hilfe angeboten. Er besuchte einen Deutschkurs in Steinhausen und arbeitete bald für einen kleinen Stundenlohn als Übersetzer im Asylwesen. Heute ist er als Aufsichtsperson in der Asylunterkunft im ehemaligen Kantonsspital Zug angestellt. Im Asylzentrum treffen Menschen aus der ganzen Welt aufeinander. «Ich arbeite gern dort», sagt Michael Tesfay. «Wir sind die Brücke zwischen dem Sozialen Dienst Asyl und den Asylsuchenden.»

Michael und Tsega Tesfay haben fünf Kinder, die jüngeren drei gehen in Edlibach zur Schule, die älteren zwei sind in der Ausbildung. Ebenezer hat das 10. Schuljahr gemacht und ist jetzt in einem Praktikum, Dibora ist in der Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit in einem Altersheim in der Nähe. Tsega Tesfay hat in Eritrea als Näherin gearbeitet, in der Schweiz ist sie auf Stellensuche. «Sie würde gern in einem Altersheim arbeiten, in der Pflege oder auch in der Reinigung», sagt ihr Mann. In vier Monaten macht sie die nächste Prüfung – Deutschkurs B1. Die Familie hofft, dass die Stellensuche mit dem Sprachdiplom in der Tasche einfacher wird. 2019 bekam die Familie von einem Bekannten ein kleines Stück Garten zur Verfügung gestellt. «Im Sommer und Herbst waren wir viel dort», sagt Michael Tesfay. Sie haben Spinat, Mangold und Bohnen ernten können. «Bis jetzt ist alles gut», sagt Michael Tesfay. «Und das Morgen ist bei Gott.»

Ein Flüchtling als Untermieter
Am 1. Mai 2019 zog Rahim bei Madeleine in Hünenberg ein. Der junge Afghane wohnte zuvor mit zwei anderen Männern in einer Wohngemeinschaft. Als diese aufgelöst wurde, musste sich Rahim nach etwas Neuem umschauen. «Die Wohnungssuche war schwierig», erzählt er.

Über die Sozialdiakonin Annette Plath erfuhr er schliesslich von Madeleine Infanger. Die Therapeutin und Masseurin ist Anfang 60 und hat Platz in ihrer Wohnung: zwei Schlafzimmer, zwei Badezimmer, zwei Eingänge. Madeleine war von Anfang an aufgeschlossen für den jungen Mann aus Afghanistan. «Madeleine hat mich allen Nachbarn vorgestellt, damit sie mich kennenlernen», sagt Rahim.
Madeleine ist in einer grossen Familie aufgewachsen, sie hat zwei behinderte Geschwister. «Ich lernte schon als Kind, wie wichtig es ist, Verständnis zu haben – Verständnis für andere Bedürfnisse, andere Vorstellungen, andere Religionen.» Wie in jeder Wohngemeinschaft mussten auch Madeleine und Rahim anfangs einige grundsätzliche Dinge klären. Wer braucht wie viel Privatsphäre? Ist es in Ordnung, Freunde mitzubringen oder auch mal jemanden zum Übernachten? Beide kochen und essen gern. Doch gemeinsam tun sie das eher selten. «Wir haben völlig unterschiedliche Essenszeiten. Ich esse gerne früh, und bei Rahim kann es gut mal neun Uhr werden.»

Die Entscheidung, einen Flüchtling bei sich aufzunehmen, solle man nicht leichtfertig treffen. Madeleine: «Es reicht nicht, einfach etwas Gutes tun zu wollen.» Rahim sei nicht einfach ein Gast, sondern ein Mitbewohner. Die Wohnung, die vorher nur ihr gehörte, sei nun eine gemeinsame. «Man muss offen sein und zulassen, dass der andere so ist, wie er ist. Und wie er sein will. Dazu muss man bereit sein.» Rahim und Madeleine respektieren einander und den Raum, den jeder für sich braucht. Am Anfang vereinbarten sie ein paar Regeln. «Wir sprachen viel miteinander. Und stellten einander viele Fragen», sagt Rahim. «Fragen ist immer gut.»

In der Ecke des gemeinsamen Wohnzimmers steht ein kleiner Weihnachtsbaum. Noch ist er kahl. Die Kugeln wird Madeleine aufhängen – davon hat sie kistenweise im Keller. Für die Lichter ist Rahim zuständig. «Er ist der Fachmann!», sagt Madeleine. Denn Rahim macht eine Lehre als Elektroinstallateur. In seiner Freizeit spielt er Volleyball und Gitarre, und seit er schwimmen gelernt hat, ist er im Sommer viel im See. «Ich treffe mich auch gern mit Freunden zum gemeinsamen Kochen und Essen», sagt er. Ausserdem ist Rahim im Vorstand des neugegründeten Afghanischen Kulturvereins. Dieser hat rund 100 Mitglieder. Sie treffen sich regelmässig und feiern traditionelle Feste.

«Wenn sie da sind, sind sie unsere Mitmenschen»
«Was machen wir mit diesen jungen Männern?» Diese Frage stellte sich Annette Plath 2015 zum ersten Mal. Die Sozialdiakonin aus Cham hatte von einer Gruppe junger Eritreer erfahren, die in einer Asylunterkunft in der Nähe von Zug untergebracht waren. «Viele von ihnen waren traumatisiert», erzählt sie. «Sie fühlten sich heimatlos, hatten wenig Perspektive und warteten auf den Bescheid.» Für Annette Plath war klar, dass man für diese jungen Männer Angebote schaffen musste. «Man kann lang über Flüchtlingspolitik diskutieren», sagt Annette Plath. «Doch wenn diese Menschen da sind, dann sind sie unsere Mitmenschen.»

Gemeinsam mit einem Team von Freiwilligen gründete sie eine Fussballgruppe, sie organisierte gemeinsame Essen und Wanderungen. «Einmal liefen wir einen Teil des Jakobswegs – von Brunnen bis nach Thun.»
Ein Jahr später zogen junge Männer aus Afghanistan ins Salesianum am Rand von Zug. «Diese Afghaner spielen kein Fussball», erzählt Annette Plath. «Viel lieber spielen sie Volleyball.» Das neu gegründete Team nahm 2016 am VolleyDay teil, der von «youth4unity – Jugendliche für eine geeinte Welt» organisiert wurde. Im Herbst desselben Jahres gründete Annette Plath eine Gitarrengruppe. «Musik beschwingt die Seele», ist die Sozialdiakonin überzeugt. Sie fragte in der Kirchgemeinde nach, ob bei jemandem noch eine Gitarre rumstehe. So kam sie zu den nötigen Instrumenten. Seither trifft sich die Gruppe jeden Freitag; mit dabei sind sechs Afghaner, zwei Eritreer und drei Schweizer. «Wir spielen ganz unterschiedliche Stücke», sagt Annette Plath. «Von ‹Oh Tannenbaum› über ‹Streets of London› bis hin zu traditionellen Stücken aus Afghanistan.» Letztere würden sie gemeinsam anhand von Youtube-Videos lernen. «Am Anfang mussten wir viel improvisieren.» Denn die meisten konnten keine Noten lesen und kannten auch keine Akkorde. «Aber von Do, Re, Mi hatten die meisten schon gehört. Damit konnten wir arbeiten.»

Seit 2018 gibt es in der Reformierten Kirche in Cham eine Tanzgruppe für Frauen. «Die Idee kam von einer Syrerin, die hier lebt», sagt Annette Plath. Einmal im Monat treffen sich etwa fünfzehn Frauen im Kirchgemeindesaal und tanzen gemeinsam. Bauchtanz, Walzer, Bollywood – die Vielfalt ist gross. «Die Gruppe ist bunt gemischt, die Frauen kommen aus der ganzen Welt.» In der Zwischenzeit sind gute Freundschaften entstanden. «Einige Frauen tanzen dann ohne Schleier, weil keine Männer dabei sind – eine schöne, vertrauensvolle Gruppe.»
Gemeinsam mit ihrem Mann Martin betreut Annette Plath auch andere Angebote für Flüchtlinge. «Einmal im Monat treffen wir uns zu einem interkulturellen Abendessen, und wir haben auch schon alle gemeinsam Silvester gefeiert.» Die Arbeit für und mit Geflüchteten liegt Annette Plath sehr am Herzen. «Natürlich ist nicht immer alles einfach», erzählt sie. «Gerade beim Wandern höre ich viele Geschichten, die mir sehr nah gehen.» Und wenn jemand das Land wieder verlassen muss, fällt der Abschied oft schwer. «Ich erlebe aber auch sehr viel Schönes», sagt Annette Plath. «Die Arbeit mit diesen Menschen ist geprägt von Wertschätzung, Freundschaft und bereichernder Gemeinschaft.»

Mit einem Znacht Brücken bauen
Im Sommer 2014 las die Zürcherin Martina Schmitz in den Ferien einen Zeitungsartikel über Ebba Åkerman. Die Schwedin ist die Gründerin des Projekts United Invitations, das Einheimische mit Flüchtlinge zusammenbringt. Åkerman erlebte als Sprachlehrerin mehrfach, wie schwierig es ist, eine Sprache zu lernen, wenn man niemanden hat, mit dem man sie sprechen kann. Die Projektidee ist simpel: Man trifft sich zu einem gemeinsamen Essen. Das überzeugte Martina Schmitz. Kurz darauf gründete sie das Projekt Gemeinsam Znacht, das Flüchtlinge und Einheimische an einen Tisch bringt.

In den Folgejahren expandierte das Projekt in andere Kantone: in den Aargau, nach Luzern – und 2018 auch nach Zug. «Eine Freundin von mir gründete Gemeinsam Znacht Aargau», erzählt Anouk Lichtsteiner. «Ich erkundigte mich, ob das auch in Zug möglich wäre.» Ihr Interesse stiess auf offene Ohren: «Man fragte mich gleich, ob ich das nicht übernehmen möchte.» Zuhause erzählte Anouk Lichtsteiner ihrer Mutter Alexandra von der Idee, wenige Tage später ihrer Freundin Laura. Beide waren schnell überzeugt. Und als Laura im Herbst 2018 für ein halbes Jahr wegging, stiess Ruth Bruhnsen zum Team. «Ich suchte schon länger nach einer Möglichkeit, mich freiwillig im Asylbereich zu engagieren», erzählt diese. «Ich meldete mich als Gastgeberin für ein Znacht an – und wurde gefragt, ob ich nicht gleich im Projekt mitarbeiten möchte.»

«Ich wollte mit dem Projekt auch eigene Vorurteile abbauen», erzählt Anouk Lichtsteiner, die Rechtswissenschaften studiert und als Flugbegleiterin in der ganzen Welt herumkommt. «Ich ertappte mich manchmal dabei, wie ich mich in der Gegenwart einer Ausländergruppe unwohl fühlte. Das wollte ich ändern.» Gemeinsam Znacht ist für die Studentin zudem eine Möglichkeit, sozial etwas zu bewirken und zurückzugeben. «Diese Menschen sind da – ob wir das nun wollen oder nicht. Sie alle hatten mal ein Zuhause, das sie verlassen mussten. Und jetzt suchen sie ein neues.» Auch für Ruth Bruhnsen war der soziale Gedanke ausschlaggebend. «Mein Mann leitete von 2014 bis 2017 ein Durchgangszentrum in Luzern, und ich unterrichtete Deutsch», erzählt sie. «Da erlebte ich, was Heimatlosigkeit bedeutet.»

Während Gemeinsam Znacht Zürich und Aargau bereits über 1000 Vermittlungen zu verbuchen haben, sind es in Zug mit vierzig Vermittlungen deutlich weniger. «Zug ist international – aber vor allem in Sachen Business», weiss Ruth Bruhnsen. «Interkulturelle Begegnungen im Alltag sind eher selten.» Umso wichtiger also, dass das vierköpfige Team über das Projekt informiert und Menschen zusammenbringt. «Die Rückmeldungen sind durchgängig positiv», sagt Anouk Lichtsteiner. «Viele treffen sich mehrmals und halten den Kontakt.» Ruth Bruhnsen ergänzt: «Wir achten bei der Vermittlung auch darauf, dass Gast und Gastgeber zusammenpassen. Wir bringen junge Leute zusammen oder schauen bei Familien, dass die Kinder etwa im selben Alter sind.» Dass die Flüchtlingszahlen rückläufig sind, ist für Gemeinsam Znacht Zug kein Grund zum Zurücklehnen. «Viele Geflüchtete sind immer noch da – und werden das auch bleiben», sagt Anouk Lichtsteiner. Sie alle lernen Deutsch, einige haben eine Ausbildung angefangen. «Das heisst aber nur, dass sich die Gesprächsthemen verändern», sagt Ruth. «Offen aufeinander zugehen sollten wir weiterhin.»

Anmeldung und Informationen unter
gemeinsamznacht.ch


Text: Kirche Z 2/2020, Céline Tapis
    

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