Die Gemeinschaft zählt

Im Mai werden Jugendliche bei uns konfirmiert. Im Unterricht bestimmen sie mit, worüber sie etwas erfahren möchten. Mit dem Konfirmations-Unterricht, den noch ihre Eltern besuchten, hat das nicht mehr viel zu tun – aus guten Gründen.Mit der Konfirmation bestätigen Jugendliche ihre Taufe, und sie werden im religiösen Sinn erwachsen. Ab dann dürfen sie die Entwicklung der Kirchgemeinde aktiv mitgestalten – zum Beispiel, indem sie abstimmen. Doch was bedeutet die Konfirmation in einer quasi postreligiösen Gesellschaft, in welcher der Glaube an Gott und die Kirche keinen hohen Stellenwert mehr zu geniessen scheint?

Die Tradition
Warum lassen sich Jugendliche konfirmieren? Die Frage geht an die Konfirmations-Klassen in Baar und Steinhau-sen. Die Tradition wird am häufigsten als Antwort genannt. So sagt Nando aus der Baarer Klasse: «Die Konfirmation gehört einfach dazu, das war schon immer so.» Schon ihre Eltern und älteren Geschwister seien konfirmiert worden, sagt Mia. «Ich bin ein offener Mensch, deshalb will ich ebenfalls konfirmiert sein.» Emilie sieht es ähnlich. «Meine Eltern sagten, sie würden es gut finden, wenn ich mich konfirmieren lasse. Ich solle aber die Entscheidung selbst fällen.» Siri aus der Steinhauser Klasse war schon früh Teil des Kirchenlebens. «Ich war immer dabei: in Lagern, als Mitwirkende bei Gottesdiensten, als Musikerin. Ich könnte nicht einfach abschalten und sagen, das Kirchenleben ist für mich vorbei.» Rabea ist hingegen selten in der Kirche. «Aber ich möchte trotzdem konfirmiert werden – wenn auch eher aus traditionellen Gründen.»

Die Gemeinschaft
Ein weiterer Grund für die Jugendlichen ist die Gemeinschaft, die während des Konfirmations-Jahrs unter ihnen entsteht. Kim aus der Steinhauser Klasse sagt: «Ich will eine gute Zeit haben und tolle Leute kennen-lernen. Die Konfirmation an sich ist für mich eher zweitrangig.» Auch Lena legt Wert auf die Gemeinschaft. «Es ist eine coole Zeit», resümiert sie. Das findet auch Max, der einzige männliche Konfirmand in Steinhausen. Für ihn ist die Konfirmation aber auch ein gesellschaftliches Statussymbol, wie er sagt. Und: «So weiss man später, was innerhalb der Kirche so läuft.» Eins ist allen Jugendlichen gemeinsam: Die Konfirmation bedeutet für sie einen Meilenstein. Noreen aus der Baarer Klasse führt aus: «Ich finde, nach der Konfirmation und dem Schulabschluss beginnt für uns ein neuer Lebensabschnitt. Die Konfirmation schliesst sozusagen die Kindheit ab.»

Der Glaube
Der Glaube an Gott ist für die Konfirmanden und Konfirmandinnen ein eher abstraktes Konzept, das ihnen aber durchaus wichtig ist. So sagt Mia aus der Baarer Klasse: «Ich bin nicht sehr gläubig, aber so etwas wie Gott existiert. Im Alltag mag sein Einfluss nicht sehr gross sein, aber in schweren Zeiten schon – zum Beispiel, wenn jemand stirbt.» Pascal sieht das etwas anders. «Ich weiss nicht so recht, ob es Gott gibt, ich bin eher ein realistischer Mensch.» Für Emilie hat der Glaube an Bedeutung gewonnen, seit sie den Konfirmations-Unterricht besucht. «Ich setze mich zum ersten Mal richtig mit dem Glauben und der Kirche auseinander.» Das gilt auch für Laura. Sie sei zwar während der Primarschule im Religionsunterricht gewesen, hätte sich aber damals nicht viel dabei gedacht. «Jetzt lerne ich, weshalb ich reformiert bin.» Auch in Steinhausen ist Gott ein Thema unter den Konfirmanden und Konfirmandinnen. «Ich glaube, es gibt da etwas, das man als Gott bezeichnen könnte», sagt Kim. «Aber er ist kein Herrscher, der über uns allen steht, sondern eher ein Beschützer.» Rabea ist derselben An-sicht. Auch Lena glaubt an Gott. Doch die Kirche bedeutet für sie in erster Linie eine Gemeinschaft, in der sie aufgewachsen ist.

Immer im Dialog
Auf das Gemeinschaftsgefühl setzen nicht nur die Konfirmanden und Konfirmandinnen selbst, sondern auch die Menschen, welche die Jugendlichen unterrichten. Lukas Dettwiler, Sozial-diakon im Bezirk Baar Neuheim, sagt: «Früher war die Konfirmation einfach ein Teil des Lebenslaufs, der Normen und Werte innerhalb einer Familie. Heute beruht sie auf Freiwilligkeit.» Pfarrer Manuel Bieler ergänzt: «Wir nennen die Stunden zwar Konfirmations-Unterricht, aber die Jugendlichen sollen sich nicht wie Schüler und Schülerinnen fühlen. Wir wollen ihnen auf Augenhöhe begegnen, und sie sollen Wertschätzung erfahren.» Dazu gehört auch, dass sie mitbestimmen dürfen, mit welchen Aktivitäten sie ihr Konf-Jahr verbringen möchten. Das sechstägige Lager in Assisi, acht Gottesdienste, der Unterricht alle zwei Wochen und sechs sogenannte Helferpunkte sind obligatorisch für die Konfirmanden und Konfirmandinnen. Letztere können sie verdienen, indem sie sich innerhalb der Kirche engagieren – zum Beispiel im Bereich der Jugendarbeit oder am Mittagstisch. Dieses Jahr wurden diese Helferpunkte allerdings wegen der Covid-19-Pandemie ausgesetzt. «Die Entwicklung des Konfirmations-Jahrs ist aber ziemlich im Flow», sagt Manuel Bieler. «Wir wollen möglichst nah bei den Interessen der Jugendlichen sein, denn das Konf-Jahr lebt von ihrer Motivation.» Der Dialog sei dabei das wichtigste – egal in welcher Form. «Manchmal gehen wir raus, manchmal gibt es Gruppenarbeiten, manchmal diskutieren wir im Plenum über Themen, welche die Konfirmanden und Konfirmandinnen gerade bewegen.»

Zurück in die 1990er-Jahre
Ein Beispiel ist der Konfirmationsgottesdienst, der in Baar voraussichtlich am 9. Mai stattfindet – je nachdem, wie sich die Pandemie-Situation bis dahin entwickelt. Die Konfirmanden und Konfirmandinnen gestalten ihn mehrheitlich in Eigenregie und wählen dafür jeweils ein Thema. Dieses Jahr haben sie sich für die 1990er-Jahre entschieden, und sie beschäftigen sich nun mit der Umsetzung. In drei Gruppen diskutieren die Schüler und Schülerinnen darüber, was in diesem Jahrzehnt – in dem mehrheitlich ihre Eltern Jugendliche waren – anders war als heute. Anschliessend präsentieren sie ihre Ergebnisse der ganzen Klasse. «Es gab damals weniger Regeln und mehr Freiheiten, zum Beispiel in der Mode», sagt eine Schülerin. Heute herrsche ein gewisser Markenzwang, wohingegen in den 1990er-Jahren alle das trugen, was ihnen gerade gefiel. «Heute muss man perfekt sein», ergänzt eine andere Schülerin. Regulierungen bereiten den Jugendlichen ebenfalls Kopfzerbrechen – nicht nur wegen der aktuellen Massnahmen gegen das Coronavirus. «Früher hat man zum Beispiel nicht darüber nachgedacht, dass man ohne Helm mit dem Skateboard einen Hügel hinuntergefahren ist», meint ein Schüler. «Heute wäre das undenkbar.»

Freiheit dank Modulen
In Steinhausen wird der Konfirmations-Unterricht anders gestaltet als in Baar. Pfarrer Hubertus Kuhns sagt: «Man muss Mut zur Lücke haben.» So ist eine bestimmte Mindestanzahl an Gottesdienst-Teilnahmen zum Bei-spiel nicht mehr obligatorisch für die Jugendlichen – ausgenommen natürlich der Konfirmationsgottesdienst, der dieses Jahr für den 23. Mai geplant ist. «Früher mussten sie während ihres Konf-Jahres 12 Mal in die Kirche. Damit haben wir jedoch Schiffbruch erlitten, deshalb haben wir diese Pflicht aufgelöst.» Der Unterricht selbst ist nach wie vor obligatorisch, aber eher wie ein Kurs aufgebaut. Der Pfarrer erklärt: «Wir arbeiten mit Modulen, welche die Konfirmanden und Konfirmandinnen selbst auswählen können und für die sie eine bestimmte Anzahl an Punkten verdienen.» Insgesamt 18 Punkte müssen sie am Schluss vorweisen können. Das Angebot ist viel-fältig und reicht vom Mitgestalten bestimmter Gottesdienste über Exkursionen bis hin zum Adventskranzbinden und zum alljährlichen Weihnachtsmarkt. Diese Module sind eine Mischung aus kirchlichen und weltlichen Aktivitäten. Denn die Jugendlichen sollen während ihres Konf-Jahres Spass haben. Hubertus Kuhns: «Ich will ihnen keinen kirchlichen Rundumschlag verpassen. Mir reicht es, wenn die Konfirmanden und Konfirmandinnen mir versprechen, dass sie versuchen, auf dem Weg zu bleiben.» Von Zwängen hält er nicht viel. «Aber die Jugendlichen sollen schon etwas mitnehmen und zum Beispiel darüber nachdenken, was es heisst, Teil der Kirche zu sein und zu glauben.»

Die Sprachen der Liebe
Dass die Kirche und der Glaube vielschichtig sind, zeigt sich im Unterricht, den der Pfarrer aber als Kurs bezeichnet. «Es ist nicht meine Aufgabe, die Jugendlichen im klassischen Sinn zu unterrichten. Dafür ist die Schule da. Bei mir sollen sie sich mit anderen Themen auseinandersetzen.» Zum Beispiel mit der Liebe. «Sie ist etwas Göttliches. Die Liebe, die wir von Gott bekommen, sollten wir weitergeben.» Sie ist deshalb Thema in einer Kurs-Stunde. «Wart ihr schon einmal verliebt?», fragt der Pfarrer. Mehrere Jugendliche strecken die Hände auf. Zusammen spüren sie dann dem Gefühl nach; wo es am stärksten fühlbar ist, wie es sich im Lauf der Zeit verändert, was das bedeutet und wo man die Liebe ausserhalb der Verliebtheit sonst noch findet. «In einer Freundschaft, innerhalb der Familie oder zu einem Haustier», lauten die Antworten. Danach verteilt Hubertus Kuhns einen Fragebogen, der den Teenagern verraten soll, welche «Liebessprache» sie sprechen. Damit meint er die fünf Sprachen der Liebe, die der amerikanische Paarberater Gary Chapman in seinem gleichnamigen Buch beschrieben hat: Lob und Anerkennung, Zweisamkeit, Geschenke, Hilfsbereitschaft sowie körperliche Nähe. «Der Fragebogen ist eigentlich für Paarbeziehungen ausgelegt, aber ich habe ihn etwas adaptiert, damit auch Jugendliche etwas damit anfangen können», so der Pfarrer. Die Konfirmanden und Konfirmandinnen nehmen sich viel Zeit und füllen den Fragebogen konzentriert aus. Die an-schliessende Diskussion ist intensiv, das Fazit aber eindeutig: Sie alle kannten die Sprachen der Liebe nicht und verstehen nun besser, weshalb so mancher Konflikt entstanden ist. «Es lohnt sich herauszufinden, welche Sprache man selbst und welche sein Gegenüber spricht», resümiert eine Schülerin – und erntet zustimmendes Nicken.

Text: Kirche Z 5/2021, Manuela Talenta
 

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