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CityKirche Zug: Integrativ, sozial, visionär

Die Türen der CityKircheZug stehen jedem offen: Kirchennahen, Kirchenfernen und ganz besonders den Neugierigen. Das ökumenisch getragene Angebot erfreut sich grosser Beliebtheit – und das schon seit über einem Jahrzehnt.

Wer wochentags über Mittag in die reformierte Zuger Stadtkirche geht, muss damit rechnen, auf Menschen in Liegestühlen zu treffen. Eine Protestaktion? Eine Kirchenbesetzung? Nichts von alldem! Es handelt sich hierbei um die CityOase, eine beliebte Gelegenheit in der Mittagspause zur Erholung vom Alltagsstress. Es ist aber nicht die Reformierte Kirche Kanton Zug, die das Angebot unterbreitet, sondern die CityKircheZug – eine Kirche der etwas anderen Art.

Eine lange Geschichte
Schon in den 1990er-Jahren entstand bei den Zuger Reformierten die Vision einer offenen Kirche, die mit ihren Angeboten jedem, gleich welchen Glaubens oder welcher Konfession, etwas bieten sollte. Die ersten Schritte waren bescheiden: Das Projekt «OffenBar» bot jeweils am Donnerstagnachmittag eine von Freiwilligen betriebene Bar auf der Wiese der reformierten Zuger Stadtkirche. Sie fand so viel Anklang, dass zwischen 2004 und 2006 das ökumenische Projekt CityKircheZug evaluiert, erarbeitet und schliesslich aus der Taufe gehoben wurde. Der erste Anlass des Projekts – ein Aids-Gottesdienst in Zusammenarbeit mit der Aids-Hilfe Zug – fand am 7. Dezember 2006 statt. Zwei Jahre später bewilligte der Grosse Kirchgemeinderat (GKGR) die Umwandlung der CityKircheZug von einem Projekt in eine definitive Einrichtung.

Betont ökumenisch
Die ökumenisch aufgestellte CityKirche Zug wird von der Reformierten Kirche Kanton Zug und der Katholischen Kirchgemeinde der Stadt Zug finanziert und getragen. «Bei der CityKircheZug ist es für einmal so, dass die Federführung bei der Reformierten Kirche liegt», sagt Andreas Haas, «die Katholische Kirche ist Juniorpartnerin.» Der für das reformierte Pfarramt Zug-West zuständige Pfarrer ist ebenso wie sein Pfarrkollege Hans-Jörg Riwar seit den Anfängen Mitglied der Steuergruppe, die den Kurs der CityKircheZug bestimmt. Der Vorteil dieser Konstellation: Sie kann die Infrastruktur des Bezirks Zug Menzingen Walchwil nutzen, allen voran die Stadtkirche selbst, die an bester Lage steht. «Das entspricht ganz dem Wunsch der Zuger Reformierten, die Kirche nach abgeschlossener Renovierung 2006 intensiver zu nutzen als nur für Gottesdienste und Beerdigungen», sagt Haas. Aber schreckt man dann nicht jene ab, die mit Kirche in jeglicher Form so gar nichts anfangen können? Der Pfarrer verneint. «Wir begegnen immer wieder Menschen, die positiv überrascht sind, was in einer Kirche alles möglich ist.»

Möglichst viele ansprechen
Heutzutage kann natürlich kein Projekt lanciert werden, ohne eine Zielgruppe im Auge zu haben. «Wir sind da aber sehr breit gefächert», sagt Haas. «Wir richten uns an Kirchennahe und Kirchenferne, einfach an Menschen, die interessiert sind an Fragen zu Spiritualität, Ethik und kulturellen Herausforderungen. » Eine vom Kanton durchgeführte Untersuchung über die Bevölkerungszusammensetzung spricht hier von den Postmateriellen, die im Kanton und besonders in der Stadt Zug sehr stark verbreitet sind: Menschen, die materiell gut situiert sind, keine traditionellen Bindungen pflegen, gebildet sind und sich sehr für Lebensfragen aller Art interessieren. Aus dieser locker definierten Zielgruppe ist im Lauf der Jahre eine gewisse Stammkundschaft erwachsen.

Alles soll möglich sein
Genauso breit gefächert wie die Zielgruppe präsentiert sich das Angebot der CityKircheZug. Die Palette reicht von wenig spirituellen Anlässen wie den Lunchkonzerten über spezielle Gottesdienste und Kunstinstallationen bis hin zu Einblicken in andere Glaubensgemeinschaften. Bekannt ist die CityKircheZug auch dafür, die Grenzen des landeskirchlich Vertretbaren zu dehnen. Weshalb diese thematische Grenzgängerei? «Weil sie schon im- mer Teil unseres Auftrags war», sagt Andreas Haas. Dennoch: Themen wie Handauflegen oder Seelenwanderung sind, selbst wenn sie wie fast alle Veranstaltungen in der CityKircheZug kostenlos sind, für so manchen Reformierten sicherlich grenzwertig und für viele Katholiken schon fast Tabuthemen, oder? «Es gibt auch bei den Katholiken Menschen, die über den Tellerrand hinausschauen wollen und für neue Erfahrungen offen sind», sagt Gaby Wiss. Die Theologin ist Leitungsassistentin im Pastoralraum Zug-Walchwil und seit März 2019 Mitglied der Steuergruppe der CityKircheZug, wo sie die katholische Kirche zusammen mit Roman Ambühl und Susanne Klass vertritt. «Meistens kommt es einfach darauf an, wie man die Themen angeht», sagt sie. So habe das Handauflegen ja zum Beispiel durchaus eine biblische Grundlage.

Ergänzung, nicht Konkurrenz
Die Themenauswahl erfolgt durch die Mitglieder der Steuergruppe. Deshalb sei es sehr wichtig, dass diese möglichst vielfältig zusammengesetzt ist, sagt Andreas Haas. «Jeder darf und soll seine Ideen einbringen – auch jene, die auf den ersten Blick völlig abwegig erscheinen. » Dann benötigt jeder die Disziplin, seine eigenen Interessen zurückzustellen und sich zu fragen, ob sich das Publikum angesprochen fühlen könnte. «Es geht ja nicht um unsere Vorlieben, sondern um jene des Publikums », so Haas. In der Detailplanung werden aus Stichworten schliesslich Themen. «Hier zeigt sich oft erst, in welche Richtung es genau gehen soll», erzählt Gaby Wiss. Auch Impulse von aussen seien jederzeit willkommen. Neid auf die relative Freiheit der Steuergruppe der CityKircheZug spüre man aus Kirchenkreisen jedoch nicht. «Das mag am Anfang vereinzelt so gewesen sein, aber das hat sich längst gelegt», sagt Andreas Haas. Und Gaby Wiss ergänzt: «Es ist allen klar, dass wir keine Konkurrenz sind, sondern ein Ergänzungsangebot. » Fordern die Landeskirchen aber ein Mitspracherecht und setzen sie Grenzen bei der Themenauswahl? Andreas Haas und Gaby Wiss verneinen unisono. «Aber dieser Gedanke scheint nahezuliegen », sagt der Pfarrer, und er erzählt von einer Veranstaltung über Pflanzen zur Erweiterung des spirituellen Bewusstseins. Diese musste abgesagt werden, weil der Referent den Termin vergessen hatte. «Da meldete sich die Zuger Zeitung und fragte, ob uns die Durchführung von den Landeskirchen untersagt worden sei.»

In der Stadt bekannt
Über 15’000 Besucherinnen und Besucher kann die CityKircheZug seit ihrer Gründung verzeichnen. Ein Hinweis dafür, dass das Angebot im kulturellen Leben der Zugerinnen und Zuger angekommen und verankert ist. Andreas Haas erzählt als Beleg dafür die Anekdote, wie der Schriftsteller Alex Capus einst auf der Suche nach der CityKircheZug bei «Sprüngli» im Bahnhof nach dem Weg fragte. «Das sind doch jene, die diese komischen Sachen machen!», hiess es dort – und man schickte Capus auf den richtigen Weg. «Da man für die Veranstaltungen weder Tickets lösen noch sich anmelden muss, ist es trotzdem immer ungewiss, wie viele Leute kommen», sagt Gaby Wiss. «Dennoch ist es uns wichtig, das Prinzip der offenen Tür konsequent zu verfolgen und nicht durch Ticketverkäufe Verpflichtungen zu schaffen.» Immerhin: Dass gar niemand aufgetaucht ist, sei noch nie vorgekommen. Generell lasse sich zwar nicht sagen, ob spirituelle oder nicht-spirituelle Themen auf grösseres Publikumsinteresse stossen. «Aber wir merken, dass wir mittlerweile bei explizit spirituellen Themen als eine feste Grösse wahrgenommen werden, bei der sich der Besuch lohnt», sagt Andreas Haas.

Grosse Namen
Ein wahrer Selbstläufer, der die Stadtkirche stets bis auf den letzten Platz füllt, sind die regelmässig stattfindenden Lunchkonzerte. Dies liegt sicherlich auch am hervorragenden Renommee der Zuger Sinfonietta, welche die Konzerte jeweils bestreitet. Überhaupt gelingt es den Organisatoren immer wieder, bekannte Namen in die CityKircheZug zu locken. Neben Alex Capus gaben sich auch schon der Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart, Ex-«Tagesschau »-Chef Heiner Hug, die Journalistin Klara Obermüller, die ehemalige Fussball-Damen-Nationalteam-Trainerin Martina Voss-Tecklenburg und viele bekannte Persönlichkeiten mehr die Ehre. Der Zürcher Schriftsteller Thomas Meyer ist sogar fast schon ein Stammgast: Er trat heuer bereits zum dritten Mal in der CityKircheZug auf. «Nach seiner ersten ‹Wolkenbruch›-Lesung sagte er, dass er am liebsten einmal hier predigen würde», erinnert sich Andreas Haas. Der Pfarrer nahm den Schriftsteller beim Wort – und Thomas Meyer hielt eine äusserst spannende Predigt. Haas: «Sogar die ganz traditionellen Reformierten waren begeistert!»

Weiter, immer weiter
Gaby Wiss, Andreas Haas und sicherlich auch die restlichen Mitglieder der Steuergruppe sind zu recht ein bisschen stolz auf die Entwicklung, welche die CityKircheZug genommen hat. Sogar international fand sie bereits Beachtung. «3SAT strahlte ein Porträt über Thomas Meyer aus – und führte das Gespräch bei uns in der CityKircheZug», sagt Andreas Haas. Das Ende der Fahnenstange ist noch längst nicht erreicht, wie die beiden Theologen versichern. «Es wird immer gesellschaftliche und spirituelle Fragen geben, die es Wert sind, kontrovers und aus anderen Blickwinkeln diskutiert zu werden», sagt Gaby Wiss. Man müsse einfach aufmerksam bleiben und sich etwas trauen. Und das gilt für das Publikum ebenso wie für die CityKircheZug selbst.

Text: Erik Brühlmann, Kirche Z 1/2020

 

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