Baar Neuheim

Studienurlaub - aus der Uni geplaudert

«Einführung in die Wirtschafts- und Unternehmensethik», aus dieser spannenden Vorlesung von Professor Martin Booms aus Bonn und Berlin picke ich drei Gedanken heraus, die mich bestimmt noch weiter beschäftigen.

Kann ethisches Nachdenken freiwillig sein?
Der Besuch einer Ethikvorlesung gehört für die Studierenden der Universität St. Gallen zum sogenannten Kontext-Studium, den Teil des Studiums (25%), den sie aus dem Bereich von Kultur- und Sozialwissenschaften und einer Fremdsprache frei zusammenstellen. Das heisst - und das hat mich schon ein bisschen schockiert - dass in St. Gallen ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen weden kann, ohne sich je vertieft mit ethischen Fragen auseinanderzusetzen. Ethik gehört nicht zum Kern der Sache, ist frei wählbar. Ist das vielleicht ein Teil unseres globalen Problems? Die grossen Skandale der letzten Zeit haben aber dem ethischen Fragen Schub gegeben. Braucht es wirklich Skandale, damit wir Menschen aufwachen?
Einen Hoffnungsschimmer gibt es: Mit der Fridays for Future Bewegung, die Greta Thunberg angestossen hat, hat sich das Interesse an ethischen Fragestellungen enorm erhöht. Unser Dozent hat erzählt, dass er seit kurzem ein gefragter Mann sei, unter anderem von Firmen, die Ethik-Kommissionen ins Leben rufen und sich beraten lassen.
Sponsoring von Firmen und Verantwortung
Viele schöne Dinge leben davon, dass sie durch Firmen finanziert, gesponsert werden. Ohne dies wäre Sport und Kultur heute kaum mehr denkbar und eine ärmliche Sache. Auch wir als Kirche haben schon dankbar davon profitiert, als wir im Jubiläumsjahr unsere schöne Broschüre über unsere Kirche herausgegeben haben. Was ist aber, wenn eine Firma oder eine ganze Branche ihren Gewinn nicht durch sauberes, nachhaltiges Wirtschaften erzielt und sich gleichzeitig mit Grosszügigkeit brüstet und sich so rein zu waschen versucht? Tun wir dies im Kleinen vielleicht selber sogar auch, wenn wir hie und da eine Spende sprechen und gleichzeitig beim Einkaufen das billigste T-Shirt auswählen um Geld zu sparen?
Integrative Unternehmensverantwortung würde anders funktionieren. Die Firma übernimmt Verantwortung für ihr Tun, für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für die Umwelt, wo sie tangiert wird. Wie schwierig und hochaktuell dieses Thema ist, zeigt uns die Diskussion um die Konzernverantwortungsinitiative, die uns noch beschäftigen wird.

Wirtschaft ein Naturgesetz?
«So läuft nun mal das Geschäft, es geht gar nicht anders». Diesen Satz hören wir oft, wenn Firmen oder auch wir selber Verantwortung abschieben. Es sei das System, der Markt, der uns so zu handeln zwingt. Dass Wirtschaft wie ein Naturgesetz funktioniert, greift zu kurz. Historisch ging es auch schon anders. Historisch gehörte die Ethik, das Nachdenken und Wissen darüber, was uns Menschen (heute müssten wir die ganze Schöpfung einbeziehen) langfristig gut tut und glücklich macht, zum Kern der Sache. Es gab Zeiten, da wusste man sehr genau, dass das Streben nach Reichtum allein nie glücklich machen kann, weil man damit nie ans Ziel kommt. Zu verschiedenen Zeiten der Geschichte haben sich verschiedene Ideen durchgesetzt. Ob wir heute auch in einer Zeit leben, in der neue Ideen
systemsprengende Kraft bekommen? Möglich wärs. Auf jeden Fall merken gerade viele Menschen, dass es nicht gut kommt, wenn wir nur in Zahlen denken. Qualität statt Quantität ist angesagt.

Wirtschaftsethik und Bibel
Eines ist sicher: Die grossen Fragen, sie sind nicht neu! Ob wir die Bibel aufschlagen oder in der Vorlesung zuhören - die Fragen sind da, damit wir darüber nachdenken und unser Handeln überdenken, als Einzelne ganz sicher. Firmen, die es auch tun, beugen dem nächsten Skandal vor.

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