Rückblick auf den Studienurlaub von Manuel Bieler

Inhaltlich war mein dreimonatiger Studienurlaub geprägt von der Beschäftigung mit einem Franziskanermönch: Bonaventura. Er lebte in der Mitte des 13. Jahrhunderts (1221 – 1274) und war der wichtigste franziskanische Theologe der Anfangszeit des Ordens. Er dozierte bis 1257 als Professor an der Universität Paris und gestaltete danach für die restlichen 17 Jahre seines Lebens als Generalminister den Franziskanerorden. Er gilt bis heute sowohl als einer der grössten Scholastiker als auch als einer der wichtigsten mystischen Lehrer des Abendlandes.
Auf Bonaventura bin ich durch Franz von Assisi (1182 – 1226) gestossen. In der Vorbereitung auf die Gemeindereise 2016 nach Assisi wurde mir die Beschäftigung mit dem wohl bedeutendsten Sohn der Stadt regelrecht zu einer Begegnung, die mich nachhaltig beeindruckte: Da verlässt dieser Franziskus den Wohlstand seines Elternhauses und findet in der Armut die Flamme der Liebe zu Gott und die Freude an der ganzen Schöpfung.
Zudem: Franziskus war kein Theologe wie ich. Er war den Theologen gegenüber sogar äusserst kritisch eingestellt. Denn er sagte: Wissen sei Macht. Und diese verhindere nur allzu leicht die Demut und Einfachheit auf dem Weg der Nachfolge Christi. Ich konnte ihm da nicht widersprechen und war von diesem Umbrier als Theologe herausgefordert.
Ich wollte dem Poverello mit Argumenten aus den eigenen Reihen begegnen können und wurde bei Bonaventura fündig. Dieser fragt nämlich im Vorwort zu seinem akademischen Hauptwerk, ob es die Theologie überhaupt brauche und ob es nicht schon genug sei, einfach zu glauben und sich im Gebet mit Gott zu verbinden. Zuerst gesteht er, dass letztlich Glauben und Liebe völlig ausreichen. Anschliessend nennt er jedoch drei Gründe, warum Theologie durchaus Sinn macht. Zum einen sei es manchmal nötig, den eigenen Glauben argumentativ zu vertreten oder gar rational zu verteidigen. Zweitens habe die Theologie eine seelsorgerliche Seite, die Trost spenden und Fragen klären kann – auch wenn sie nicht den Anspruch erhebt, alle Probleme einfach wegerklären zu können. Und schliesslich schenke die theologische Beschäftigung eine tiefe Freude, die ihr aus der Liebe zu Gott erwächst. Denn wer glaubt und gleichzeitig durch Fragen bedrängt wird, strebt danach, mehr verstehen zu wollen. Und ergibt sich in dieser geistigen Beschäftigung ein Fortschritt, so wird die gewonnene Einsicht von Freude begleitet.
Im Zeichen dieser Freude stand mein Studienurlaub. Durch die Corona-Situation wurden jegliche Reisepläne ins Ausland verhindert, sodass ich an meinem Schreibtisch vor allem eine geistige Reise ins Hochmittelalter unternommen habe: Von November bis Januar versenkte ich mich in die Gedankenwelt meines mittelalterlichen Kollegen und staunte, wie reichhaltig und differenziert sich Bonaventura vor gut 800 Jahren Gedanken zur Fülle des Lebens gemacht hat.
Besonders fasziniert hat mich die Frage nach dem Menschen als Person und Beziehungswesen. An der Adresse der Franziskaner ist man mit solchen Themen genau richtig. Denn das franziskanische Armutsideal zielte darauf, durch radikalen Verzicht den Reichtum der zwischenmenschlichen Beziehungen zu entdecken: Wer nichts hat, ist auf eine tragende Zwischenmenschlichkeit angewiesen. Im Anklang an Erich Fromms Alternative ‘Haben oder Sein’, könnte man sagen: Franziskus wollte durch Nicht-Haben zum Sein kommen. Und Sein hiess für ihn: Das wirkliche Leben findet in der Begegnung und im freien Miteinander statt. Beides kann man nicht haben oder machen. Man kann es nur wagen und sich schenken lassen.
Diese Ordensphilosophie hat prägend auf Bonaventuras Theologie gewirkt. Und es ist ein Merkmal seines Denkens, besonders sensibel für die personale Beziehungswirklichkeit zu sein. Der Philosophiehistoriker Theo Kobusch bescheinigt Bonaventura sogar, ein ganz neues Bewusstsein für die Person in die Diskussion eingebracht zu haben. Für Bonaventura begründet nämlich die Freiheit des Menschen die Würde der Person. Diese Rede von der Würde der Person war originell. Interessanterweise verdankt sich diese Neubestimmung der Person als ein Wesen, das mit einer unverlierbaren Würde ausgestattetet ist, dem Nachdenken über die Person Christi. Und so hat unser modernes Menschenbild vom unendlichen Wert einer Person seinen Ursprung im theologischen Nachdenken des Mittelalters.
Noch ein Mitbringsel zum Schluss: Bonaventura fragt einmal danach, was eigentlich der Sinn der Ehe sei. Ein Teil seiner Antwort ist, dass die äussere Verbindung der Ehe der inneren Begegnung diene. Dadurch, dass zwei Menschen beieinanderbleiben, lernen sie sich mit der Zeit immer tiefer kennen. Insofern sei die Ehe ein Heilmittel gegen die Ignoranz für das innere Leben. – Bedenkenswerte Ansichten eines Mönches…
Ich danke dem Kirchenrat für die grosszügige Möglichkeit eines dreimonatigen Studienurlaubs, in dem ich mich sorgenfrei der theologischen Arbeit hingeben konnte. Ich hoffe, dass ich etwas davon in Gesprächen und Predigten der Gemeinde weitergeben kann.
Manuel Bieler

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