Gedanken zur Bergpredigt

2012 will «Kirche Z» vermehrt Gedankenanstösse bieten. Wir haben deshalb alle Pfarrleute aus dem Kanton Zug gebeten, eine Stelle aus der Bergpredigt auszuwählen und ihre Überlegungen dazu festzuhalten. Heute tut dies Martina Müller vom Pfarramt Aegeri.

Im Zentrum von Jesu Botschaft, gleich nach den Seligpreisungen, steht dieser Zuspruch, diese Ermächtigung. Jesus beginnt nicht mit einer Analyse der Zustände. Er zählt nicht auf, was alles verbessert werden muss, macht keine Vorhaltungen darüber, was alles falsch gelaufen ist. Vielmehr sagt er den Menschen seines Volkes, die mit ihm gehen und auf ihn hören, was sie können und wozu sie berufen sind: Salz der Erde, Licht der Welt zu sein.

Der Prophet Jesus spielt auf den Propheten Jesaja an: Gottes Licht wird von seinem Volk in die Welt getragen, alle Völker sollen von allen Enden der Erde zu der Stadt kommen, die auf dem Berg ist, zur Stadt Gottes. Sie sollen den Krieg nicht mehr lernen, kein Geschrei und kein Weinen von Geplagten, von Verfolgten oder Hungernden wird mehr sein.

Dass die Rede Jesu auf einem Berg gehalten wird, erinnert auch an Mose, der seinem Volk vom Berg Sinai hinunter die Weisung Gottes bringt. Was wir als Bergpredigt kennen, ist Jesu aktuelle Auslegung dieser Weisung. Wie Mose redet auch Jesus nicht zu einzelnen, sondern zu einer Gruppe, zu seinem Volk eben.

Allerdings: Die, die er vor sich hat, sind nicht gerade die Crème der Gesellschaft. Es sind nicht die Angesehenen, die Mächtigen, die Einflussreichen. Es sind die Kleinen, die Armen, die Lohnabhängigen. Es sind die, die nach Gerechtigkeit, nach Solidarität hungern und dürsten.

«Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt.»

Ihr wisst, wie Hunger tut, darum seid ihr die, die dazu beitragen können, dass es keinen Hunger mehr gibt.
Ihr wisst, wie Schläge sich anfühlen, darum könnt ihr dabei mitwirken, dass Stöcke zerbrochen, dass Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet werden.
Ihr wisst, was es heisst, versklavt, der Freiheit beraubt zu sein, ihr könnt die Menschen Freiheit lehren.
Ihr wisst, was es heisst, von allen verlassen zu sein, ihr könnt einstehen für die Verlassenen, die Zurückgelassenen, die niemand haben will und niemand wichtig findet.

«Wir? Sind wir denn gut genug?»

Ja, sagt Jesus, genau euch meine ich, ihr seid es. Ihr kennt die Angst vor der Zukunft, weil ihr euch ohnmächtig fühlt.
Ihr könnt euch einfühlen in andere, die sich vor der Zukunft fürchten, und ihnen Mut machen. Ihr kennt den Wert von Beziehungen, von Freundschaft, von Vertrauen.
Ihr könnt kämpfen dafür, dass Freundschaft und Vertrauen unter den Menschen zählen – und nicht Leistungs- oder Zahlungsfähigkeit. Ihr wisst, wie wichtig es ist, mit den Tieren und der Natur zu leben, ihr könnt die Tiere und die Natur vor Ausbeutung schützen helfen. Nicht der oder die Einzelne für sich, sondern alle zusammen, alle leisten ihren Teil an ihrem Ort, im Vertrauen auf Gottes Beistand.

«Ja, aber werden wir dann nicht überheblich? Trauen wir uns nicht zuviel zu?»

Ich bin überzeugt: Wenn wir uns bewusst sind und bleiben, dass es einerseits auf uns ankommt und wir andererseits nicht alles machen können und müssen; wenn wir uns bewusst sind, dass wir einander brauchen, und die Kraft des Himmels uns stützt – dann können wir nicht überheblich werden.

Dann werden wir dankbar und zuversichtlich sein. Wir werden uns des Lebens freuen können und jede Gelegenheit zum Feiern nutzen. Wir werden trauern können über das, was nicht gelingt, und weinen über Unrecht. Wir werden solidarisch sein mit den Geplagten und kämpfen für Gerechtigkeit.

Wir handeln nicht nur für uns selbst, sondern für die Welt. Jesus würde sagen, damit Gottes Freundlichkeit in der Welt sichtbar wird, damit die Menschen Gott glauben. Das können wir.

Kirche Z 2/2012



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