Gedanken zur Bergpredigt

2012 will «Kirche Z» vermehrt Gedankenanstösse bieten. Wir haben deshalb alle Pfarrleute aus dem Kanton Zug gebeten, eine Stelle aus der Bergpredigt auszuwählen und ihre Überlegungen dazu festzuhalten. Heute tut dies Pfarrerin Aline Kellenberger aus Hünenberg.

Ein bekannter Text – einzelne Sätze daraus sind gar zu geflügelten Worten  geworden: «Lass deine Linke nicht wissen, was die Rechte tut» oder «etwas ausposaunen». Der Text handelt vom Almosengeben oder besser noch: von der Gerechtigkeit.

In der Bibel ist Gerechtigkeit das Kennzeichen unserer Beziehung zu Gott. Gerecht zu sein und gerecht zu handeln, das bedeutet vor allem, Gott gerecht zu werden. Gerechtigkeit ist biblisch gesehen nichts Statisches, sondern ein Geschehen. Gerechtigkeit ist nicht einfach; sie wird, oder besser noch: Sie erweist sich – und zwar in dem, wie ich meinem Nächsten begegne. «Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan» (Matthäus 25,40) – darum geht es bei der Gerechtigkeit!

Sie erweist sich auch in der Art und Weise, wie ich Almosen gebe. Während das Almosengeben für gewöhnlich eher negativ besetzt ist – man speist einen Bedürftigen mit einem geringen Entgelt ab –, schwingt im Bibeltext Erbarmen und Barmherzigkeit mit. Almosengeben ist hier positiv besetzt, eben als Ausdruck der Gerechtigkeit. Almosen zu geben heisst, Gerechtigkeit herzustellen unter den Menschen, auf dass jeder genug zum Leben hat. Und Gerechtigkeit herzustellen zwischen Gott und den Menschen, insofern wir nur weitergeben, was wir letztlich bekommen haben.

Warum aber attackiert Jesus das bei uns fast sprichwörtliche «Tu Gutes und sprich darüber»? Weil eben die Gefahr besteht, dass das Almosengeben aus dem Zusammenhang der Gerechtigkeit fällt. Als negatives Beispiel wählt Jesus den «Heuchler». Auch hier lohnt sich genaueres Hinsehen: Das griechische Wort müsste eigentlich mit «Schauspieler» übersetzt werden. Ein Schauspieler hat bei seinen Bemühungen in erster Linie das Publikum im Auge. Sein Lohn ist dessen Anerkennung und der Beifall nach der Vorstellung. Sein Lohn ist f lüchtig und hält nicht lang vor. So kann es auch jemandem gehen, der Almosen gibt, damit andere es sehen. Wie ein Schauspieler richtet  sich seine Aufmerksamkeit dann auf das Publikum. Sein Handeln und seine Gaben orientieren sich nicht mehr an der Not der Bedürftigen, sondern am Effekt auf die Zuschauer. Beifall und Anerkennung sind Grund  und Triebfeder des Handelns, nicht das Herstellen von Gerechtigkeit.

Wenn uns die Sucht nach Anerkennung treibt, entfremdet uns die eigentlich gute Sache gleich dreifach. Erstens von uns selbst, weil wir nur noch Rollen spielen, um zu gefallen. Zweitens von unseren notleidenden Nächsten, weil sie nur Statisten in unserer Aufführung sind. Und drittens von der Gemeinschaft mit Gott. Wenn uns die Sucht nach Anerkennung antreibt, sind unsere Almosen letztlich nur Waren in einem Tauschhandel. Wir geben sie, um etwas dafür zu bekommen. Die Grundstruktur  von Armut  und  Reichtum  wird davon nicht berührt, geschweige denn überwunden. Dazu bedarf es einer «Ökonomie der Generosität», wie es Peter Sloterdijk genannt hat.

Diese Ökonomie der Generosität wird getragen von den «Reichen der zweiten Art»: Menschen, die sich und ihre Mittel generös verausgaben, Menschen, die den Kreislauf des Ab- und Heimzahlens kreativ durchbrechen und ihr Tun nicht ausschliesslich unter dem Aspekt des Tauschwerts sehen. Beispiele gibt es dafür viele: das stille Engagement von Stiftungen, die spontane Spendenbereitschaft in Solidarität mit Notleidenden,  Zivilcourage und – nicht zu vergessen – die unzähligen Stunden ehrenamtlichen Diensts von Menschen aller Altersgruppen. All das geschieht ohne grosses Publikum und ohne Berechnung des zu erwartenden Gegenwerts. Das ist es, was Jesus uns ans Herz legt. Es geht nicht um Bescheidenheit, sondern  um  die Einsicht, dass wir letztlich nur weitergeben, was uns geschenkt ist.