500 Jahre Reformation

Reformationsjubiläum: War es das?

2017 feierte die Reformierte Kirche ihre 500-jährige Geschichte – mit riesigem Aufwand und über 1000 Veranstaltungen. Was wurde erreicht?

«Man muss die Feste feiern, wie sie fallen», weiss der Volksmund – und er meint damit: Gibt es einen Anlass zu einer zünftigen Feier, sollte man diesen nicht lang hinterfragen, sondern die Gelegenheit munter nutzen. Das Sprichwort beherzigten offenbar auch die Reformierten in der Schweiz. Am 31. Oktober 1517 nagelte der Augustinerpater Martin Luther im deutschen Wittenberg 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Schlosskirche. Das hatte mit der Schweiz zwar relativ wenig zu tun; Zwingli legte den Grundstein zur hiesigen Reformation erst 1519. Doch das hielt die Schweizer nicht davon ab, auf den deutschen Zug aufzuspringen und 2017 ebenfalls zum Jubiläumsjahr zu erklären. Der Einsatz, mit dem in der Folge ein halbes Jahrtausend Thesenanschlag gefeiert wurde, war enorm: Schweizweit fanden über 1000 Veranstaltungen statt.

Ein riesiger Flop?
Nun ist das Luther-Jubiläumsjahr vorüber, und allerorten wird zurückgeschaut. In Deutschland fallen die Rückblicke teilweise ernüchternd, zuweilen gar deprimierend aus; manche Kommentatoren sprechen von einem «riesigen Flop». Das Publikumsinteresse blieb vielerorts weit unter den Erwartungen, in der Regel kamen gerade einmal halb so viele Leute wie prophezeit. Weit höher als geplant waren indessen die Kosten. Und bemängelt werden landauf, landab auch viele Inhalte der Feierlichkeiten beziehungsweise der Mangel daran. Diese Kritik wurde nicht allein in Deutschland laut. Die «Neue Zürcher Zeitung» kritisierte das hiesige «Jubiläumsbrimborium» in pointierten Worten: «Die reformierte Kirche verpasst es, 500 Jahre nach der Reformation ihr Profil zu schärfen.»

«Once in a lifetime!»
Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK), sieht die Situation in der Schweiz wesentlich differenzierter. «Once in a lifetime – wir hatten grosses Glück, das 500-Jahr-Jubiläum erleben zu dürfen », sagt er begeistert. «Wir haben gemeinsam gefeiert und viele gelungene Veranstaltungen auf die Beine gestellt – auf nationaler und kantonaler Ebene sowie als Ökumene.» Auch Ursula Müller, Vizepräsidentin der Reformierten Kirche Kanton Zug, genoss das Jubiläumsjahr sehr. Sie erinnert sich vor allem gern an den nationalen ökumenischen Gedenk- und Feiertag «Gemeinsam zur Mitte», der am 1. April in Zug stattfand. Er bot den Interessierten neben einem grossen ökumenischen Gottesdienst abwechslungsreiche Veranstaltungen wie ein gemeinsames Suppenessen oder ein interaktives Konzert.

«Fantastische Zusammenarbeit»
Dass dieser Anlass – der grösste im Kanton Zug – ökumenisch war, hat einen einfachen Grund: 2017 hatten die Katholiken ebenfalls etwas zu feiern, nämlich den 600. Geburtstag des Schweizer Schutzpatrons Niklaus von Flüe. Natürlich sorgte die Verbindung der beiden Gedenkjahre ebenfalls für kritische Stimmen: Der katholische Heilige habe den Reformierten die Show gestohlen, hiess es. Doch Ursula Müller winkt ab. «Wir erhielten sehr viele positive Rückmeldungen, und die Zusammenarbeit war fantastisch.» Für Gottfried Locher war der Anlass ein Meilenstein der Ökumene: «Am 1. April in Zug haben wir ein schmerzendes Kapitel der Kirchengeschichte versöhnlich abgeschlossen und der Ökumene einen zentralen Platz im Leben unserer Kirchen eingeräumt.» Alles andere als auch ökumenisch zu feiern, wäre laut dem Kirchenbundspräsidenten nicht im Sinn der Reformation gewesen.

Geschichte im Schnelldurchlauf
Der nationale ökumenische Gedenk- und Feiertag war natürlich nur ein Höhepunkt unter vielen. Gottfried Locher erinnert sich zum Beispiel auch gern an «Reformaction», «unser Jugendfestival in Genf – ein super Erlebnis». An diesem Festival nahmen rund 5000 Jugendliche teil. Anders als die Deutschen, brauchten sich die Schweizer Reformierten über mangelnden Publikumszuspruch nicht zu beklagen. Viel beachtet – und etwas kontrovers – war auch das Lichtspektakel «Rendez-vous», das jährlich in Bern stattfindet und dieses Jahr unter dem Namen «Reset: Zurück auf vorwärts» ganz im Zeichen der Reformation stand. Während rund 25 Minuten wurden die wichtigsten Ereignisse der Reformationszeit als Lichtshow künstlerisch inszeniert. «Das Thema war äusserst anspruchsvoll, und ich habe während der Vorbereitungen sehr viel über unsere Geschichte und die Reformation gelernt», sagt «Rendez- vous»-Produzentin Brigitte Roux. Mit den Zuschauerzahlen – 440’000 Menschen – ist sie vollends zufrieden. Sie habe allerdings noch nie so viele negative Rückmeldungen erhalten wie dieses Jahr. «Etwa fünf Prozent der Kommentare waren kritisch», sagt sie. «Vor allem Junge hatten Mühe, mit der Thematik zurechtzukommen.» Ohne geschichtliche Vorkenntnisse sei es teilweise eben schwierig gewesen, die einzelnen Aspekte der Lichtshow zu verstehen. Ursula Müller, Vizepräsidentin der Reformierten Kirche Kanton Zug, versteht diese Kritik: «Die Lichtshow war der Hammer! Allerdings musste man sich im Vornherein schon informieren und mit den geschichtlichen Aspekten vertraut sein, um alle Bilder und Inszenierungen zu verstehen.»

Starke Vielseitigkeit
Es erstaunt natürlich nicht, dass ein so komplexes wie vielschichtiges Thema wie die Reformation nicht in einer 25-minütigen Lichtshow abgehandelt werden kann. Indessen werfen die kritischen Stimmen auch die Frage auf, ob etwa eine Lichtshow nicht das falsche Gefäss für die Reformationsfeierlichkeiten ist. «Der Mix zwischen den Feierlichkeiten war sehr ausgewogen», so der Kirchenbundspräsident Gottfried Locher zur Vielseitigkeit der Anlässe. «Es gab sowohl kircheninterne Anlässe wie auch Events für die breite Öffentlichkeit. » So war von speziellen Gottesdiensten und Konzerten über grossangelegte Kunstprojekte und Guetzli-Formen mit Namen «Reförmchen» bis zu den heute obligaten Apps und Games fürs Smartphone alles dabei. Angesichts dieser Vielfalt konnte man allerdings auch den Eindruck einer gewissen Beliebigkeit gewinnen – und man kann durchaus Verständnis für den in der NZZ formulierten Gedanken aufbringen, die Reformierten hätten es verpasst, ihr Profil zu schärfen.

Dezentral passt
Die Vielfalt an Anlässen und Inhalten passe aber durchaus sehr gut zum Reformationsgedanken, findet Christina Aus der Au. Die renommierte Schweizer Theologin war 2017 Präsidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentags in Berlin und Wittenberg und ist bestens informiert über die diversen Events. «Föderalistische Veranstaltungen unterstreichen den Reformationsgedanken gerade», sagt sie. «Es wäre absolut untypisch, wären die Anlässe und die Kommunikation nur von einer Stelle ausgegangen, die alles bestimmt.» Die Dozentin der Theologie an den Universitäten Basel und Zürich und Geschäftsführerin des Zentrums für Kirchenentwicklung in Zürich sieht gerade in der Vielfältigkeit des Reformationsjubiläums seine starke Seite. Zudem sei die Kernbotschaft des Reformationsjubiläums klar: «Die bedingungslose Liebe und Zusage Gottes ist die Grundbotschaft der Reformation.»

Die Tücken der Sprache
So scheint es gerade dem erwähnten Pluralismus der reformierten Kirche zu entsprechen, dass das SEK gleich sieben theologische Kernaussagen zum 500-jährigen Reformationsjubiläum formulierte. «Alle Theologie muss man immer wieder neu formulieren, auch die reformatorische», sagt Gottfried Locher zur Botschaft des Reformationsjubiläums. So verstünden wir etwa auch Zwinglis Worte «Wo der Gloub ist, da ist Fryheit » nur vor dem Kontext der Geschichte der reformierten Kirche, der Geschichte unserer Gesellschaft. Der Kirchenbundspräsident beschäftigte sich intensiv mit der Kommunikation der heutigen Kirche: «Die Kunst ist es, mit neuer Sprache das zu sagen, was nicht neu ist und unabhängig vom jeweiligen Zeitgeist gesagt werden muss.» Die Theologin Christina Aus der Au ergänzt: «Wir können nicht einfach Botschaften verkünden und erwarten, dass alle zuhören – die konkrete Auseinandersetzung damit hier und jetzt ist zentral.» Neben der Grundbotschaft der bedingungslosen Liebe und Zusage Gottes bestünde die reformatorische Botschaft vor allem aus dem fortwährenden Gespräch innerhalb der Gemeinschaften. Und dieser wurde im Jubiläumsjahr zweifellos animiert.

Ein fortwährender Prozess
«Das Jubiläumsjahr gab uns viel Anstoss zum Weiterdenken», bestätigt Ursula Müller, Vizepräsidentin der Reformierten Kirche Kanton Zug. Auch für sie gehört der nie endende Prozess der persönlichen Auseinandersetzung zum Kern des reformatorischen Gedankenguts. «Wir wollen in einer lebendigen Gemeinschaft leben – dafür müssen wir starre Strukturen vermeiden.» Das Jubiläum hat der Kirche eine neue Lebendigkeit beschert. Und damit hat es sich keineswegs: Bereits heute freut sich Kirchenbundspräsident Gottfried Locher auf das Zwingli-Jahr 2019, «genauso wie auf die vielen anderen Reformationsjahre – bis hin nach Genf, wo erst 2036 gefeiert wird». Auch die Theologin Christina Aus der Au schaut optimistisch auf die Zeit nach dem ersten Jubiläumsjahr: «Wir haben einen grossen Schritt in Richtung Gesellschaft gemacht und es gewagt, uns in allen Facetten zu zeigen. Es ist unsere grosse Stärke, dass wir viele Gesichter haben und viele Sichtweisen diskutieren können, weil wir unsere Einheit in Christus haben, nicht in uns selbst.» Die vermeintliche Schwäche des unscharfen Profils ist also bei genauerem Hinhören eine Stärke. Die Stärke, viele verschiedene Bedürfnisse, Meinungen und Definitionen unter einem Dach zu vereinen – ohne sie in ihrer Freiheit einzugrenzen.

2017–2019: Mit Zwingli von Fest zu Fest
Der Kirchenbund habe nur den nationalen Auftakt zu den gesamten Reformationsjubiläen gestaltet, so SEK-Präsident Gottfried Locher, «jetzt erfolgt die Stabsübergabe an die Kantone». Während im Kanton Zug noch keine weiteren Festivitäten geplant sind, steht in Zürich schon einiges auf der Agenda – denn 1519 trat Huldrych Zwingli sein Amt als Leutpriester des Grossmünsters in Zürich an. Um dieses Ereignis zu feiern, entwickelten die Kulturschaffenden Barbara Weber und Martin Heller im Auftrag der Stadt und des Kantons Zürich ein vielseitiges Programm. Das Langzeit-Festival dauert von Mitte 2017 bis Anfang 2019. Laut Michel Müller, dem Zürcher Kirchenratspräsidenten, soll das umfangreiche Programm die Zürcher Reformation aus verschiedenen Perspektiven beleuchten und sie in Beziehung zu aktuellen kirchlichen, gesellschaftlichen und politischen Fragen setzen.
www.zh-reformation.ch

Text: Nena Morf und Marius Leutenegger, Kirche Z 1/2018

 

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