Kirche Z

Mission heute

Vorbei die Zeit der Missionare ? Mitnichten! Doch die Aufgaben der modernen Missionare haben sich verändert. Unverändert geblieben ist, dass sie die christlichen Werte in die Welt hinaustragen.

Mission heisst Begegnung
Die grosse Zeit der Missionsbewegungen ist vorbei. Dennoch gehen noch immer unzählige Missionare in aller Welt ihrem Auftrag nach. Allerdings verfolgen sie heute kaum mehr das Ziel, neue Mitglieder für die Kirche zu gewinnen. Beim Begriff «Mission» zuckt man immer noch unwillkürlich zusammen – denn man hat das Bild vornehmlich fundamentalistischer Missionare vor Augen, die in Afrika und Südamerika den biblischen Missionsbefehl mit drastischen Mitteln umsetzen. Eine Phase, während der sich Politik, Religion und kolonialistisches Machtstreben zu einem fragwürdigen Gemisch vereinigten, gab es tatsächlich. Doch Mission ging immer auch anders – und heute hat sie mit der Zwängerei von einst nichts mehr zu tun.

Mission ist nichts Verwerfliches
Das zeigt auch Mission 21, die frühere Basler Mission. Ist es eigentlich nicht kontraproduktiv, einen so negativ behafteten Begriff wie Mission im Namen zu führen? Claudia Bandixen, Direktorin von Mission 21, verneint: «Warum sollten wir denn verbergen, was wir machen? Und für unsere Arbeit entschuldigen wir uns auch nicht.» Zwar habe es in der Vergangenheit durchaus Überlegungen für ein Rebranding gegeben, räumt Claudia Bandixen ein. «Aber letztlich waren es unsere Partnerkirchen in aller Welt, die uns davon abbrachten. Sie verstanden nicht, wieso man eine gute Sache nicht beim Namen nennen sollte.» Dass bei der Missionsarbeit einst Fehler gemacht wurden, sei sicherlich nicht wegzudiskutieren. «Aber wir sollten trotzdem vorsichtig damit sein, von unserer modernen Warte aus Menschen zu verurteilen, die vielleicht einfach taten, was zu ihrer Zeit und mit ihren Mitteln nötig schien», sagt die Theologin.

Kein Evangelisieren
Wichtig sei auch, dass man Mission nicht mit Evangelisierung gleichsetze. Claudia Bandixen: «Im Zentrum unserer Arbeit stehen Aspekte wie Friedensarbeit, Gewaltfreiheit und bedingungsloser Respekt vor dem Lebensrecht jedes Menschen. Diese gründen sich auf der Basis der Christusnachfolge, die in unseren pietistischen Wurzeln verankert ist.» Deshalb bezeichne man sich auch als Faith-based Organisation – als eine auf dem Glauben begründete Organisation. Der Glaube hilfsbedürftiger Personen sei kein Kriterium dafür, ob geholfen werde oder nicht. «Wir leben christliche Werte gerade dadurch vor, dass das Lebensrecht aller respektiert wird», sagt die Theologin. «Wir setzen uns intensiv mit den Religionsgrenzen und dem Verständnis zwischen Religion auseinander, das ist ein wichtiger Eckpfeiler für Verständigung und Frieden an der Basis. Genau so ist Mission auch heute das Weitertragen der christlichen Werte in die Welt.» Wenn dadurch Menschen zum reformierten Glauben fänden, sei dies zwar wichtig – aber jeder habe auch das Recht, seine Überzeugung zu behalten. In Malaysia seien zum Beispiel ausgerechnet die Missionsschulen jene Orte, wo Kinder geschützt seien vor Zwangskonversionen und wo sie zum Verständnis und Zusammenleben der verschiedenen Religionen angeleitet würden.

Missionare sind Pioniere
Fast klingt es, als sei Mission heutzutage Entwicklungshilfe mit christlichem Hintergrund. Claudia Bandixen sieht dies anders: «Mission ist eine Pionierform von Entwicklungshilfe. Sie ist oft schon viel länger vor Ort und bleibt in der Regel auch länger dort als Entwicklungshilfe- Organisationen.» Dies gebe der Mission die Möglichkeit, die örtlichen Gegebenheiten und Eigenheiten über Generationen hinweg kennenzulernen und in einer nachhaltigen Form aktiv zu sein. Ausserdem hätten die Partnerkirchen von Mission 21 ein Mitspracherecht, wenn es darum gehe, wie die Unterstützung aus der Schweiz genau auszusehen habe. Claudia Bandixen: «Die europäische Sicht ist oft anders als jene der Menschen vor Ort, Prioritäten werden anders gesetzt, Lebensumstände anders interpretiert. Da ist es nur sinnvoll, wenn man sich an einen Tisch setzt und versucht, beide Sichtweisen unter einen Hut zu bringen und die Unterstützung entsprechend auszulegen.» Dies sei der einzige Weg, nachhaltige Entwicklungen anzustossen. Der Mission- 21-Direktorin liegt es aber fern, die Arbeit der Entwicklungshilfe-Organisationen zu kritisieren. «Sie machen eine wunderbare Arbeit! Aber sie merken erst jetzt langsam, dass man Projekte nicht nur auf zwei oder drei Jahre auslegen kann, wenn man etwas bewegen will. Hier kann die Entwicklungs- von der Missionsarbeit lernen.»

Diktatur fürchtet Religion
Langfristigkeit spiegelt sich auch in der Arbeit von Tobias Brandner. Der Theologe ging 1996 im Auftrag von Mission 21 nach Hongkong und lebt seither mit seiner Familie dort. «Ich hatte bereits Erfahrung als Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf und erhielt deshalb die Gelegenheit, die gerade pensionierte Kollegin in Hongkong zu ersetzen», erinnert er sich. Heute doziert Tobias Brandner hauptamtlich an der örtlichen Universität, geht aber daneben weiterhin der Gefängnisarbeit nach. Der Protestantismus ist in China eine anerkannte Religion; die protestantische Kirche wächst rasant. Braucht es denn da überhaupt Mission? «Grundsätzlich geht es den Protestanten recht gut – in den engen Grenzen, die der Staat ihnen steckt», weiss Tobias Brandner. «Sie sind auch nicht, wie man denken könnte, in Gefahr.» Es gebe jedoch regionale Unterschiede. «Ein Einparteienstaat, der im Grund eine Diktatur ist, fühlt sich von einer selbstbewussten Religion wie dem Protestantismus natürlich in seiner Autorität herausgefordert», sagt der Theologe. Je nach regionalen Verhältnissen würden die Kirchen und ihre Vertreter und Anhänger immer noch unterdrückt.

China lebt von innerer Mission
Mission im Sinn von sozialer Unterstützung gibt es in China nur in begrenztem Mass. Der Staat, so herrschsüchtig er sein mag, betreibt immerhin bis zu einem gewissen Grad ein soziales Netz. «Mission heisst in China vor allem Evangelisierung », weiss Tobias Brandner, «aber nicht durch Ausländer wie mich, sondern durch die chinesischen Protestanten selbst.» Der Theologe nennt als Beispiel die Stadt Wenzhou im Osten des Lands. Über 10 Prozent der Bevölkerung dort sind Christen, weshalb die Stadt auch das Jerusalem Chinas genannt wird. Wenzhou ist ein wohlhabendes Wirtschaftszentrum, viele Christen sind deshalb auch in wichtigen Positionen grosser Firmen anzutreffen. Tobias Brandner: «Diese Unternehmer sind in ganz China unterwegs und bauen nebenbei Kirchen und Versammlungsräume. Ebenso verbreiten sie aktiv ihren christlichen Glauben.» Missionieren ist Ausländern in China grundsätzlich verboten. «Es gibt jedoch einige Untergrundmissionare, die in säkularen Berufen arbeiten, sich in ihrer Hauptaufgabe aber der Evangelisierung widmen. » Deren Wirkung sei im Verhältnis allerdings vernachlässigbar.

Schweizer Interesse an China
Als China-Kenner und langjähriger Mitarbeiter von Mission 21 dient Tobias Brandner mittlerweile als eine Art Brückenkopf für Schweizer Kirchenvertreter. Immer wieder ist er Gastgeber für Kirchgemeinden, die sich ein Bild der chinesischen Verhältnisse machen wollen. Das Interesse an China ist gross; auch der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) intensiviert gegenwärtig seine Beziehungen mit dem Land. Tobias Brandner sieht dies mit gemischten Gefühlen: «Chinesen sind sehr gute Gastgeber, und es ist sicher spannend, diese Gastfreundschaft zu erleben. Aber für die Chinesen sind solche Besuche eine Möglichkeit, sich zu präsentieren und dadurch bis zu einem gewissen Grad soft power auszuüben. » Die offiziellen Kirchenleitungen seien stark vom Staat kontrolliert; wenn man mit ihnen spreche, spreche man indirekt immer auch mit dem unsichtbar dahinter stehenden staatlichen Büro für Religionsangelegenheiten. «Ich halte diese Art von Kirchendiplomatie für begrenzt sinnvoll», bilanziert der Theologe, «denn sie ist kostspielig, beeinflusst die Verhältnisse im Land aber nur wenig. Zudem sollten wir darauf achten, die Beziehungen zur wichtigen reformierten Kirche in Taiwan nicht aus Gründen der politischen Korrektheit zu vernachlässigen.»

Zuger Reformierte und die Missionspflicht
China, Afrika, Südamerika – Missionsarbeit ist scheinbar etwas für Organisationen, die international tätig sind. Umso überraschender liest sich die Präambel der Gemeindeordnung der Reformierten Kirche Kanton Zug, in der es heisst: «Vom Evangelium her setzt sie sich ein für die weltweite ökumenische Gemeinschaft, den interreligiösen Dialog und die Mission als Begegnung in Offenheit sowie für die Wahrung der Menschenrechte.» Mit Paragraf 61 anerkennt die Gemeinde gar explizit «die innere und äussere Mission als ihren Auftrag». «Mission ist eben ein genuiner Auftrag für je-de Landeskirche der Schweiz», sagt Christoph Stucki. Der Theologe war von 1984 bis 2003 Pfarrer in Zug und zeichnet für die Missionspassagen verantwortlich.

Christliche Werte vorleben
Überfordert so ein Missionsauftrag eine kleine Kirche wie jene des Kantons Zug nicht ein wenig? «Überhaupt nicht!», sagt Christoph Stucki. «Im Gegenteil, die Zuger Kantonalkirche ist in ihrem internationalen und multireligiösen Umfeld dafür sogar prädestiniert.» Der Theologe möchte Mission jedoch in diesem Zusammenhang nicht als Evangelisierung verstanden wissen. Dies sei heute eher der freikirchliche Ansatz. «Für uns Reformierte ist die Schlüsselformulierung die ‹Begegnung in Offenheit› », sagt Christoph Stucki, der 20 Jahre lang Indonesienreferent der Schweizerischen Ostasienmission war. «Begegnung ist eine zweispurige Strasse: Man trifft die anderen, akzeptiert einander, tauscht sich aus.» So gesehen sei jede Veranstaltung und jedes Angebot, bei denen sich die Kirche zeige und ihre christlichen Werte anderen Menschen vorlebe, eine Art Mission. Und diesem Missionsauftrag kommen die Mitarbeitenden und Mitglieder der Reformierten Kirche Kanton Zug in der Tat jeden Tag
nach.

Mission damals und heute
Bereits in den ersten Jahrhunderten nach Christus führten Christen wie der Apostel Paulus den Missionsbefehl aus dem Matthäus-Evangelium aus: Sie zogen aus, das Evangelium im römischen Reich zu verbreiten. Im 3. Jahrhundert hatten sich bereits veritable Missionszentren herausgebildet, unter anderem Jerusalem, Antiochien, Ephesus, Karthago und Rom. 313 erkannte der römische Kaiser Konstantin der Grosse im Rahmen des Mailänder Edikts das Christentum offiziell an.

Dies war der Startschuss für die systematische Missionierung Europas. Die Namen der Missionare sind bis heute ein Begriff: Wulfila, Bischof von Terwingen, missionierte die Goten; Columban von Iona war in Irland und Schottland unterwegs; Patrick verbreitete das Christentum in Irland und gilt heute als Nationalheiliger; Bonifatius brachte das Evangelium den Menschen im Frankenreich näher. Ab dem 9. Jahrhundert erreichten die christlichen Missionsbemühungen schliesslich Nord- und Osteuropa. Nicht immer hatten die Untertanen die Wahl, ob sie denn nun Christen werden wollten oder nicht. Zwar wurde das Prinzip «cuius regio, eius religio» («wes’ Land, des’ Religion») erst im Augsburger Reichs- und Religionsfrieden von 1555 verankert. Faktisch galt es jedoch vielerorts schon zuvor, wie zum Beispiel die Sachsen im 8. Jahrhundert feststellten: Sie mussten gleichermassen Karl dem Grossen wie auch Jesus Christus die Treue schwören. Dass solche Zwangsmissionierungen nicht automatisch von Erfolg gekrönt sein mussten, machten die Muslime aus dem Morgenland den christlichen Kreuzrittern auf äusserst blutige Art und Weise deutlich.

Im Zug der Kolonialisierung Afrikas und der Neuen Welt gingen Religion und Politik eine unheilvolle Liaison ein. Wer nicht für die meist katholischen Missionare war, war gegen sie – und musste die Folgen tragen. Auf evangelischer Seite blieben internationale Missionsbemühungen zunächst aus. Einerseits war man bestrebt, die noch junge Kirche zunächst im Inneren zu stärken; andererseits waren die meisten Kolonialmächte katholisch geprägt. Mit dem Einsetzen des Pietismus intensivierten sich auch die evangelischen Missionsbemühungen. Ab Ende des 18. Jahrhunderts wurden unzählige Missionsgesellschaften gegründet – unter anderem die London Missionary Society (1795) in England und die Basler Mission (1815) in der Schweiz. Oft waren zu dieser Zeit die ausgesandten Missionare von Haus aus keine Pfarrer, sondern noch wenig gebildete Bauernsöhne, Handwerker, Ärzte und Bauern, die erst theologisch ausgebildet werden musste, bevor sie ihre Arbeit aufnehmen konnten. In erster Linie ging es nun nicht mehr darum, den christlichen Glauben zu verbreiten, sondern benachteiligten Gemeinschaften zu helfen.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts veränderte sich das Selbstverständnis der Missionswerke grundlegend: Mission wird seither nicht mehr als Einbahnstrasse, sondern als partnerschaftlicher Austausch verstanden, bei dem beide Seiten lernen können.

Text: Erik Brühlmann, Kirche Z 5/2017

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