Kirche Z

Konzentrierte Begeisterung und viel «Passione»

Wer lässt die Reformierte Kirche Kanton Zug erklingen? Wir gehen dieser Frage in einer Serie nach – und stellen Chöre, Musikerinnen, Musiker vor. Diesmal richten wir den Fokus auf den Kammerchor der Zuger Kantorei.

Schon vor der Probe des Kammerchors

der Zuger Kantorei im reformierten Kirchgemeindehaus in Zug herrscht grosse Konzentration im hellen Übungssaal. Bedächtig werden die Stühle in einem grossen Halbkreis um den Flügel und den Notenständer des Chorleiters Johannes Meister aufgestellt: Sopran, Alt, Tenor und Bass warten auf den Auftakt. Der rund 20-köpfige Kammerchor probt das letzte Mal ausgiebig vor der musikalischen Begleitung eines Gottesdiensts, und noch müssen manche Takte besser sitzen. «Natürlich steht der Spass am Singen an erster Stelle», so der Chorleiter, «ich lege aber sehr grossen Wert auf höchste Qualität.» Der Kammerchor der Zuger Kantorei geniesst denn auch ein hohes Ansehen; von Kritikern wurde dem Ensemble Stilsicherheit in der Interpretation, Durchsichtigkeit des Klangs und eine grosse Homogenität bescheinigt. Der Kammerchor singt sakrale sowie weltliche Stücke und gibt auch ein paar Mal im Jahr Konzerte ausserhalb der Gottesdienste. Die Sängerinnen und Sänger mögen die Abwechslung, die ihnen dadurch geboten wird. «Die Gottesdienste sind die Pflicht und unsere Konzerte die Kür», sagt Sänger Christoph Kriesi lachend dazu. Dies sei überhaupt nicht abwertend gemeint, auch die Pflicht mache in dieser Disziplin grossen Spass. «Für die Konzerte wählen wir immer alle Lieder demokratisch, und wir erarbeiten den Aufbau selbst», so Christoph Kriesi. «Das macht natürlich ungemein Spass, wenn man diese Freiheit ausleben kann und seine Lieblingsstücke singen darf.»

Vom Gospel zu Engelsstimmen

Nach einem energiegeladenen African- American-Spiritual, der die Füsse wippen lässt, kommt die Kehrtwende: «Ihr müsst wie kleine feine Engelein sein», ruft Johannes Meister vor dem nächsten Stück, das langsamer und sakral ist. Die 26-jährige Sopranistin Clara Ballerini, die seit rund einem Jahr dabei ist, zeigt sich von der Qualität der Stimmen im Kammerchor und der Vielseitigkeit der Stücke begeistert. «Passione», sagt die junge Frau mit italienischen Wurzeln, zeichne den Chor aus. «Für uns ist das Singen mehr als ein Zeitvertreib oder ein nettes Hobby. Wir sind alle mit grosser Leidenschaft dabei.» Viele der Sängerinnen und Sänger bringen Erfahrung mit, auch wenn eine solche keine Voraussetzung ist. «Man muss auch nicht allein vorsingen, um mitzumachen», meint der Chorleiter. Er achte aber sehr genau auf den jeweiligen Stimmklang und versuche immer, konkrete Anleitungen und Tipps für Verbesserungen zu geben. Johannes Meister weiss, wovon er spricht. Der aus Deutschland stammende Dirigent studierte an den Musikhochschulen in Köln und Wien, wo er das Diplom im Orchesterdirigieren erhielt. Seine erste Stelle als Chorleiter trat er 1987 im Luzerner Theater an. Später war er vier Jahre lang Chordirektor an der Wiener Staatsoper. Insgesamt leitet Johannes Meister, der zurzeit auch Chefexperte und Juror der Schweizerischen Chorvereinigung ist, heute sechs Chöre. Nicht alle sind Kirchenchöre, und auch die Grössen sind sehr unterschiedlich: Sein Zuger Chor Audite Nova, der zu den bedeutendsten der Zentralschweiz zählt, ist mit rund 100 Sängerinnen und Sänger der grösste.

Keine Nachwuchssorgen und eine grosse Vielseitigkeit
Während der rund 3-stündigen Probe des Kammerchors der Zuger Kantorei ist der Chorleiter ganz in seinem Element, er feuert die Gruppe an, stoppt sie und zeigt mit ausladenden Gesten die Richtungen auf. «Man darf die Bässe nicht unterschätzen», sagt Johannes Meister mit einem Augenzwinkern nach rechts, wo die Herren sitzen. Wobei die Bezeichnung Herren es nicht in jedem Fall trifft: Der Jüngste unter ihnen ist gerade mal 17 Jahre alt. Henry Wendorf ist seit drei Jahren dabei und singt, wie er sagt, schon sein ganzes Leben. «Er war wohl auch schon im pränatalen Gesangskurs», witzeln seine Kollegen. Vor allem Kirchenchöre hätten immer mehr mit Nachwuchssorgen zu kämpfen, so der Chorleiter Johannes Meister, aber auch Männer- und andere Traditionschöre: «In der heutigen schnelllebigen Gesellschaft ist es einerseits schwer, Sänger und Sägerinnen zu finden, die sich wirklich verpflichten wollen, andererseits tauchen junge, innovative Ensembles oft auf, die dann aber oft auch schnell wieder verschwinden. » Nachwuchssorgen hat der Kammerchor der Zuger Kantorei zurzeit aber nicht. Im letzten Jahr erhielt er wieder Zuwachs, wobei es aber auch bemerkenswert viele langjährige Mitglieder hat. Auch die Vielfalt könnte kaum grösser sein: Die Mitglieder sind zwischen 17 und 66 Jahre alt und stammen aus zwölf verschiedenen Nationen.

Zeitreise ins Tessin
Anlässlich des Reformationsjubiläums schnuppert der Kammerchor sogar Theaterluft: In den reformierten Kirchen Rotkreuz und Steinhausen wird das Theaterstück «L’Espulsione – Die Vertreibung» aufgeführt. Es erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Niedergang der Reformation im Tessin und vom Exil der reformierten Locarnesi 1555. Der Kammerchor begleitet die Schauspieler gesanglich.

«L’Espulsione – Die Vertreibung»
Schauspiel über das Exil der reformierten Gemeinde von Locarno 1555 von Paul Steinmann und Remo Sangiorgio. Es singt der Kammerchor der Zuger Kantorei unter der Leitung von Johannes Meister.

Aufführungen:
Donnerstag, 18. Mai 2017, 19.30 Uhr, Reformierte Kirche Rotkreuz
Freitag, 19. Mai 2017, 19.30 Uhr, Reformierte Kirche Steinhausen

Text: Nena Morf, Kirche Z 5/2017

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