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Kirche mit Bildungsauftrag


Die Reformation war auch eine Bildungsbewegung: Das Volk sollte befähigt werden, für seinen Glauben selbst Verantwortung zu übernehmen. Als Bildungskirche versteht sich die Reformierte Kirche Kanton Zug auch heute noch – und macht Erwachsenen vielfältige Angebote, die sie weiterbringen sollen. Warum eigentlich? Und was unterscheidet die Kirchen von anderen Bildungsanbietern?


Dass Bildung ein tragendes Element einer funktionierenden wohlhabenden Gesellschaft ist, wusste schon Martin Luther: «Lernst du wohl, wirst du gebratener Hühner voll. Lernst du übel, musst du mit der Sau zum Kübel.» Als Gottesmann war dem Reformator und seinen Mitstreitern natürlich vor allem daran gelegen, die Menschen in Glaubensfragen weiterzubilden – oder sie zumindest so zu bilden, dass sie die richtigen Fragen zu ihrem Glauben stellen konnten. Dieses Selbstverständnis der evangelisch- reformierten Kirchen als Bildungskirchen hat bis heute Bestand. Es zeigt sich unter anderem in den vielen Bildungsangeboten zu ganz unterschiedlichen Themen speziell für Erwachsene.

Viele Anbieter bestellen das Feld

Doch ist die Referenz auf die Bildungskirche wirklich ein Grund, sich neben all den weltlichen Anbietern von Erwachsenenbildungsangeboten zu positionieren? «Man muss es anders herum sehen», sagt Angela Wäffler-Boveland: «Die Kirche muss heute damit zurechtkommen, dass sie nicht mehr alleinige Anbieterin ist.» Die Theologin ist Projektleiterin der «Werkstatt Theologie Bildung» (wtb), einer Projektstelle für Deutschschweizer Projekte im Bereich Erwachsenenbildung. Die Stelle wird von den evangelischen Landeskirchen der deutschsprachigen Kantone getragen. Dass es heute problemlos möglich ist, sich überall und erst recht im Internet weiterzubilden, stehe ja ebenso ausser Frage wie die Tatsache, dass der Mensch täglich etwas lernt – ob er das wahrnimmt oder nicht. «Es ist auch nicht wegzudiskutieren, dass junge Erwachsene durch Arbeit und Familie voll belastet sind», sagt Angela Wäffler-Boveland. Dies alles müsse die Kirche akzeptieren. Gleichzeitig aber wolle sie auch vermitteln, dass sie jederzeit da ist – zum Beispiel eben dadurch, dass sie Angebote für Erwachsene bereitstellt. «Ich bin überzeugt davon, dass viele Erwachsene sich für Glauben und Religion interessieren», so die Theologin. «Unsere Aufgabe als Kirche ist es, ihnen einen Raum für ihre Neugier zu schaffen.»

Engere Zusammenarbeit erwünscht
Dieses Interesse an Glaubensfragen ist nicht einfach ein frommer Wunsch. Angela Wäffler-Boveland erlebt es in den in der Deutschschweiz angebotenen Evangelischen Theologiekursen immer wieder: «An einem Kurs nahm eine Ärztin teil, um herauszufinden, weshalb gläubige Menschen mit schweren Krankheiten anders umgehen als andere; in einem anderen war ein Historiker dabei, der mit der Kirche nichts am Hut hatte, jedoch das Wissen für seine Arbeit benötigte; dann war da noch ein Muslim, der wissen wollte, wie Christen glauben; oder eine Schamanin, die von ihrem Mentor den Auftrag bekommen hatte, sich ihren religiösen Wurzeln zu stellen.» Der Theologiekurs gebe jedoch keine allgemeingültigen Antworten und sage niemandem, wie er zu glauben habe, betont die Theologin. Aber er helfe den Menschen, Antworten zu finden, die für sie in ihrer jeweiligen Situation stimmen. Angela Wäffler- Boveland hat Verständnis dafür, dass nicht jede Landeskirche eine volle Breitseite an Bildungsangeboten für Erwachsene auffahren kann. Dazu fehlten oft personelle und finanzielle Ressourcen. «Aber es wäre schön, wenn häufiger über die Gemeinde- oder gar Kantonsgrenzen hinaus gedacht würde und Kirchen enger zusammenarbeiteten.» Die wtb bietet dafür Hand, indem sie auf ihrer Homepage www.wtb.ref.ch Arbeitsmaterialien zum Download bereitstellt.


Die Kommission sammelt
In der Reformierten Kirche Kanton Zug ist die Erwachsenenbildungskommission für die Bildungsangebote zuständig. «Sie soll aber nicht als Kontroll- oder gar Steuerungsinstanz verstanden werden», sagt Pfarrer Michael Sohn, der im Kirchenrat für die Erwachsenenbildung zuständig ist. «Das ist bei einer relativ kleinen Kirche wie unserer auch gar nicht nötig. Vielmehr sammelt die Kommission, was in den Bezirken läuft, und sie entscheidet dann, was davon auf dem jährlichen Flyer eine kantonale Plattform erhält.» Man sei in Zug in dieser Hinsicht in einer komfortablen Situation, da die Finanzen in aller Regel kein Hindernis für die Angebote darstellten. «Sollte sich die finanzielle Situation einmal verschärfen, wird die Kommission jedoch bestimmt stärker regulierende Aufgaben übernehmen müssen », weiss der Kirchenrat.

Bildung ist Befähigung
Welche Angebote für eine Kirche sinnvoll sind, ist nicht in Stein gemeisselt. «Im tief reformatorischen Sinn ist Bildung der Weg, Menschen zu befähigen, Verantwortung zu übernehmen – für sich, für andere, für die Umwelt und für die persönliche Beziehung mit Gott», sagt Michael Sohn. Deshalb können auch ganz unterschiedliche Angebote sinnvoll sein, zum Beispiel ein Meditationskurs, bei dem man sich selbst wahrnimmt; oder ein Begegnungskurs, bei dem man lernt, mit anderen Menschen angemessen umzugehen; oder ein Abend über Ökologie, der den Blick für die Natur und damit die Schöpfung schärft. Zum Kerngeschäft gehörten aber natürlich auch alle Angebote, die theologisch motiviert sind und den Glauben der Menschen stärken. Eine Abgrenzung zu nichtkirchlichen Bildungsangeboten hält Michael Sohn trotzdem für unnötig: «Gute Angebote dienen der Befähigung der Menschen, Verantwortung wahrzunehmen – egal ob es vom Bezirk Cham, der Reformierten Kirche Kanton Zug oder der Volkshochschule angeboten wird.» Wichtig sei einfach, dass jedes kirchliche Angebot ein Bedürfnis im jeweiligen Kirchenbezirk abdecke.

Pfarrpersonen sind gefragt
Doch wer soll all diese Kurse, Vorträge und Reisen organisieren und leiten? In der Jobbeschreibung einer Pfarrperson kann die Erwachsenenbildung ob all der anderen Aufgaben jedenfalls kaum an einer der obersten Positionen stehen. «Warum nicht?», fragt der Baarer Pfarrer Manuel Bieler mit einiger Vehemenz. «Im Kanton Zug haben wir keine gesamtkirchlichen Dienste, die solche Aufgaben übernehmen. Sollen theologisch fundierte Bildungsangebote auf die Beine gestellt werden, müssen unsere Pfarrpersonen anpacken.» Bildung gehöre zur DNA der Reformierten Kirche – schliesslich war die Reformation auch eine Bildungsbewegung. «Für mich persönlich liegt der Reiz in der Erwachsenenbildung darin, dass sich die Teilnehmenden aktiv beteiligen können», sagt Manuel Bieler. «Bei einem Gespräch zu einem Bibeltext bestimmen die Fragen der Teilnehmenden den Gang der Diskussion. Das bringt eine gemeinsame kreative Auseinandersetzung in Gang, die einer Predigt so abgeht. » Gleichzeitig weiss der Pfarrer aber auch, wie viel Aufwand und Zeit in der Vorbereitung und Durchführung der Bildungsangebote für Erwachsene steckt. «Das ist nicht zu vermeiden – denn mein eigener Anspruch in der Erwachsenenbildung ist immer, den Teilnehmenden Wissen und Zusammenhänge zu vermitteln, die sie nicht einfach bei Wikipedia finden», begründet Manuel Bieler den grossen Aufwand.


Das Kerngeschäft beachten
Für Manuel Bieler wird denn auch der Begriff «Erwachsenenbildung» tatsächlich stark strapaziert: «Nicht bei jedem Bildungsangebot geht es in erster Linie um Bildung. Manchmal ist die Bildung auch nur der Anlass, eine Gemeinschaft zu entwickeln.» Solche Angebote seien zwar wichtig, gehörten aber streng genommen nicht zur Bildungs-DNA der Kirche. Anders bei theologisch basierten Angeboten: «Dass man Glaubensinhalte, Kirchentradition und Bibelinterpretationen zum Thema von Bildungsangeboten für Erwachsene macht, gehört zum Kerngeschäft der Kirche – wem wollte man dieses denn sonst überlassen? »

Anspruchsvolles Hünenberg

Ähnlich sieht es auch Beatrice Bieri, Sozialdiakonin in Hünenberg. «Wenn ich über ein Angebot nachdenke, lautet die erste Frage immer: Kann das auch ein weltlicher Anbieter durchführen? Lautet die Antwort Ja, ist die Idee vom Tisch.» Überhaupt sei Hünenberg ein Bezirk mit hohen Ansprüchen, längst nicht alles sei dort machbar. Dies liege unter anderem an der sozialen Struktur des Dorfs. Einwohner und Einwohnerinnen Hünenbergs seien im Normalfall gut situiert, weit gereist und hätten in ihrem Leben schon so einiges erlebt, weiss die Sozialdiakonin. Und dann müssen die Erwachsenenbildungsangebote des Bezirks auch noch eine selbst gesetzte Hürde überwinden. «Im Grund muss ich erst merken, dass ein bestimmtes Bedürfnis da ist, bevor ich versuche, dieses mit einem Angebot im Bereich Erwachsenenbildung zu befriedigen », sagt Beatrice Bieri. Um aufs Geratewohl grossangelegte Versuchsballons zu starten, die dann niemanden interessieren, fehlten sowohl Zeit als auch Mittel.

Gemeinschaft als zentrales Element
Ein Paradebeispiel für all diese Überlegungen sind die Hünenberger Everdance- Nachmittage. Beatrice Bieri: «Ich wurde darauf angesprochen, dass es in Hünenberg keine Möglichkeiten zu tanzen gebe. In Rotkreuz existiere zum Beispiel ein Anlass, der regelmässig sehr viel Zuspruch erhalte.» Doch die Sozialdiakonin wollte nicht gleich im grossen Massstab einsteigen. Immerhin konnte es ja sein, dass es sich dabei gar nicht um das Bedürfnis des ganzen Bezirks, sondern nur um jenes der kleinen Initiativgruppe handelt. So stiessen die Frauen auf Everdance, einen Kurs für Standardtänze, bei dem keine Tanzpartner benötigt werden. «Aber das Tanzen allein reichte mir nicht, um aus dem Angebot ein kirchliches Angebot zu machen», sagt Beatrice Bieri. Also wurde der Tanzkurs in einen gemeinsamen anschliessenden Zvieri eingebettet. «Gemeinschaft ist für mich ein ganz zentrales Element der Kirche, mit dem man die Menschen auch erreicht. Wer nur mit dem Gebetsbuch wedelt, wird kaum mehr ein Publikum finden – zumindest nicht in den Landeskirchen.» Das liebevoll gestaltete Konzept ging auf, 2017 wird das Angebot wiederholt. «Der Tanznachmittag ist natürlich auch ein bisschen Werbung für das Kirchenzentrum », gibt die Sozialdiakonin unumwunden zu.


Zwischenmenschliches
Gemeinschaft ist neben der Weitergabe von Wissen auch für Roland Popp ein zentraler Punkt kirchlicher Angebote. «Der Kochkurs für Männer begann zum Beispiel als handwerkliches Bildungsangebot für Männer», sagt der Zuger Sozialdiakon. «Es ging vor allem einmal darum, dass Männer sich selbst versorgen können, wenn die Umstände dies erfordern.» Rund die Hälfte aller Teilnehmenden engagierte sich anschliessend auch gleich noch beim Mittagstisch, sodass Erwachsenenbildung und diakonisches Projekt in diesem Fall ineinandergriffen. Vor zwei Jahren bot Roland Popp auch den Kurs «Gelingende Begegnungen» an, den er als Erwachsenenbildungsprojekt auf zwischenmenschlicher Ebene bezeichnet. 2017 wird dieser Kurs wieder durchgeführt. «Zuhören und aufeinander eingehen sind Kernkompetenzen der Kirche», sagt der Sozialdiakon, «da wäre es doch fast schon Verschwendung, diese Kompetenzen nicht mit anderen zu teilen.»

Die Kernkompetenzen weitergeben
Dass kirchliche Bildungsangebote in Konkurrenz zu weltlichen Anbietern stehen, macht Roland Popp wenig Kopfzerbrechen: «Ein Kochkurs in der Migros Klubschule hat einen anderen Schwerpunkt und andere Facetten als unser Kochkurs für Männer.» Deshalb bestehe die Konkurrenzsituation auch nur auf den ersten Blick. Die Kirche müsse sich bei ihren Angeboten einfach darauf konzentrieren, ihre Kernkompetenzen ins Zentrum zu stellen. Und sie müsse die Augen und Ohren offen halten für die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen. «Ich werde zum Beispiel oft von Senioren und Seniorinnen angesprochen und gefragt, wie man eigentlich die Bibel lese. Das muss die Kirche dann auch als Auftrag verstehen, entsprechende Kurse anzubieten.» Auf diese Weise werde die kirchliche Erwachsenenbildung nie ihre Daseinsberechtigung verlieren – sondern neben den hochkommerziellen Angeboten immer wichtiger werden.

» Zu den Angeboten der Erwachsenenbildung der Reformierten Kirche Kanton Zug

Text: Erik Brühlmann, Kirche Z 2/2017

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