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Danken für die Früchte der Schöpfung

Erntedankfeiern gibt es in fast allen Kirchen der Welt. Die Traditionen können sehr unterschiedlich sein, und der Termin des Fests verteilt sich über einen ganzen Monat. Allen Feierlichkeiten gemeinsam ist aber, dass der Mensch Gott dafür dankt, was ihm geschenkt wurde.

Die Erleichterung über eine ertragreiche Ernte wurde zu allen Zeiten und in allen Kulturen gefeiert. Kein Wunder, schliesslich waren die eingebrachten Feldfrüchte für die Menschen einst im wahrsten Sinn des Worts überlebenswichtig. Wer nichts in der Vorratskammer hatte, musste damit rechnen, den Winter nicht zu überstehen. Der Dank für eine reiche Ernte galt stets den Göttern: Demeter bei den Griechen oder Ceres bei den Römern. Die angelsächsischen heidnischen Kulturen feierten gar zweimal: mit Lughnasadh den Beginn und mit Samhain das Ende der Erntezeit. In der Römisch-katholischen Kirche wird mindestens seit dem 3. Jahrhundert Ernte- dank gefeiert und Gott für die reichen Gaben gedankt – oder bei Missernten für ein besseres neues Jahr gebetet.

Kein fester Dankestag
Anders als für Weihnachten, Ostern oder Pfingsten gibt es in den christlichen Kirchen keinen universell gültigen Tag für das Erntedankfest. Ein Grund dafür ist, dass je nach Wetter und Klimazone die Ernte regional zu unterschiedlichen Zeiten eingebracht wurde. Die Katholische Kirche empfiehlt in vielen Ländern zwar den ersten Sonntag im Oktober. Doch dieser Termin ist weder im liturgischen Kalender festgeschrieben, noch ist die Feier an sich verpflichtend: Gemeinden können, müssen aber nicht Erntedank feiern. Auch in den Reformierten Kirchen wurde Erntedank von Anfang an zu verschiedenen Daten gefeiert: am Bartholomäustag (24. August), am Michaelistag (29. September) oder gar erst am Martinstag (11. November).

Einen Monat des Gedenkens
Dieser Terminvielfalt begegnen die Kirchen heute nicht etwa mit einer Harmonisierung des Erntedankfests. Vielmehr wurde an der dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung 2007 im rumänischen Sibiu die SchöpfungsZeit ausgerufen – der Zeitraum zwischen dem 1. September und dem 4. Oktober, in dem die Kirchen dazu aufgerufen sind, sich auf den Schutz der Schöpfung Gottes zu besinnen. Die Daten sind mit Bedacht gewählt, gilt doch der 1. September bei den Orthodoxen Kirchen und bei der Römisch- katholischen Kirche als Tag der Schöpfung; der 4. Oktober wiederum ist der Gedenktag des Franz von Assisi, unter anderem der Patron des Umweltschutzes.
 

 

Des Patriarchen Vorschlag aufgegriffen
Bereits seit 1993 erarbeitet der 1986 gegründete Verein «oeku Kirche und Umwelt» mit Sitz in Bern Materialien für Gemeinden und Pfarreien zum Feiern der SchöpfungsZeit. «oeku nahm damals einen Vorschlag des Patriarchen von Konstantinopel auf, der in den späten 1980er-Jahren einen Tag der Schöpfung einführen wollte», sagt der Theologe Kurt Zaugg-Ott, Leiter der Fachstelle oeku. Und da der Verein auf ökumenischen Füssen steht, wurde aus dem vorgeschlagenen Tag der alle Kirchen einbeziehende Monat. «Im Grund war dies ein kompromissfähiger, realistischer Zugang», sagt der Fachstellenleiter. «Schliesslich kann oeku ja nicht einfach einen Feiertag dekretieren.» Zudem sei es ja auch sinnvoll, nicht nur an einem einzigen Tag im Jahr über die Schönheit der Schöpfung und die Rolle des Menschen innerhalb der göttlichen Schöpfung zu reflektieren.

Themendossiers für alle
Jedes Jahr stellt oeku ein thematisches Dossier zusammen, das von Kirchgemeinden und Pfarreien bezogen werden kann. In diesem Jahr geht es um «Himmelsduft und Höllengestank», den zweiten Teil der Themenreihe rund um die fünf Sinne. Die Dossiers umfassen jeweils eine Einführung ins Thema, Predigtimpulse, Zusammenstellungen von liturgischen Texten und eine Beleuchtung von naturwissenschaftlichen Hintergründen. «Auf diese Weise verbinden wir Theologie und Wissenschaft, sodass die Materialien auf vielfältige Weise genutzt werden können – vom Religionsunterricht über die Altersarbeit bis zur sonntäglichen Predigt», sagt Kurt Zaugg-Ott. Die Reaktionen seien durchwegs positiv: «Unsere Materialien dienen vielen als Grundlagen und Baukasten, dank denen die Pfarrpersonen nicht von Grund auf alles selbst zusammensuchen müssen.» Oft würden die Dossiers auch archiviert, um bei späterer Gelegenheit eingesetzt zu werden.

Harvest, nicht Thanksgiving
Schon seit vielen Jahren geniesst die Anglican Church Gastrecht in der reformierten Zuger Stadtkirche. Jeweils einbis zweimal im Monat werden Gottesdienste gehalten, für die Reverend Paul Brice aus der St. Andrew’s Anglican Church in Zürich anreist. Ein Erntedankfest kennt man auch in der anglikanischen Tradition. Mit dem amerikanischen Thanksgiving hat es jedoch nichts gemein, obwohl viele der Pilgerväter aus England stammten. «Wir nennen es Harvest Festival», sagt der Theologe. «Unsere heutige Art, die Ernte zu feiern, erinnert stark an die Gebräuche aus der Viktorianischen Zeit – ganz ähnlich wie bei Weihnachten.» Die Kirchen werden dekoriert mit Feldfrüchten, herbstlichem Schmuck und Blumen, und es gibt eine traditionelle Auswahl an Liedern, die gesungen werden. «Das Harvest Festival ohne das Lied ‹We Plough the Fields And Scatter› ist kaum vorstellbar», sagt Paul Brice. Das Lied stammt ursprünglich vom deutschen Dichter Matthias Claudius und ist als «Wir pflügen und wir streuen» bekannt. Auch «Come, Ye Thankful People, Come» gehört fest zur anglikanischen Erntedank- Tradition.
 

Realität und Erinnerungen
Doch Tradition hin oder her: Der Reverend weiss genau, dass sich das Bewusstsein der Menschen für ein Erntefest stark gewandelt hat. «Als ich ein Kind war, brachte jeder das mit, was in seinem Garten wuchs», erinnert er sich. «Heutzutage hat ja kaum mehr jemand einen Garten, in dem er Früchte und Gemüse anbaut.» Der Reverend hat auf diese Entwicklung auch schon mal augenzwinkernd reagiert: Einmal brachte er einen Squash-Schläger mit und lehnte ihn gegen den Altar, und er stellte einen Computermonitor zwischen all den anderen Schmuck. «Ich wollte aufzeigen, dass wir in der Kirche eigentlich nur Erinnerungen feiern und unsere Lebensrealität mittlerweile ganz anders aussieht », sagt er. Es gebe aber keinen Grund, auf die liebgewonnenen Erinnerungen zu verzichten oder sie gar abzuschaffen. Zum Beispiel erinnert sich Paul Brice, wie in seiner Kindheit alle Gemeindemitglieder Speis und Trank mitbrachten. Diese Gaben wurden dann unter den Bedürftigen verteilt. Diese Tradition findet sich in der Church of England heute noch, nur dass das Essen – Büchsen und andere lang haltbare Lebensmittel – über Hilfsorganisationen verteilt wird. Aber auch die Gemeinde selbst erlaubt sich damals wie heute ein feierliches Mahl, in Zug in Gestalt des «Bring-And- Share-Supper». «Alles in allem ist Erntedank heute aber wohl mehr ein Gemütszustand als ein Fest, das mit der Realität viel gemeinsam hat», sagt Paul Brice.

Viel zu viele Reste
Realität ist heute, dass längst nicht mehr alle produzierten Nahrungsmittel auf den Tisch kommen. Pro Jahr gehen in der Schweiz rund ein Drittel aller produzierten Lebensmittel zwischen Feld und Teller verloren. Das sind rund 2,3 Millionen Tonnen Lebensmittel oder etwa 300 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Eine kostspielige Angelegenheit, denn jede Tonne verursacht rund 100 Franken Entsorgungskosten. Ebenso schwer wiegt aber die ethische Debatte des neudeutsch Foodwaste genannten Problems: Während einerseits tonnenweise Lebensmittel vernichtet werden, gibt es andererseits unzählige Menschen, die nicht genug Nahrung für sich und ihre Familien auf dem Teller haben – nicht nur in den Entwicklungsländern, sondern auch in der reichen Schweiz.

Lebensmittel vernichten:
Geht gar nicht ! Schon seit Jahren versuchen verschiedene Organisationen, diese Lebensmittelverluste zu verringern. Doch «Tischlein deck dich» und vergleichbare Verteiler setzen vor allem grossmassstäblich an. Die überschüssigen Wocheneinkäufe oder die Bestandteile der ins Wasser gefallenen Grillparty landen dadurch nach wie vor im Mülleimer. Hier möchte der noch junge Verein Foodsharing Zug den Hebel ansetzen. Die vor etwa fünf Jahren in Berlin ins Leben gerufene Foodsharing-Bewegung versucht, kleine und kleinste Mengen an einwandfrei essbaren Nahrungsmitteln vor der Vernichtung zu retten. «Wer die Nahrungsmittel letztlich verwertet, spielt für uns keine Rolle», sagt Myriam Birrer von Foodsharing Zug. «Wir haben nicht in erster Linie einen sozialen Auftrag, auch wenn uns natürlich bewusst ist, dass eher die weniger Begüterten auf unser Angebot zurückgreifen.» Für Myriam Birrer ist der Gedanke unerträglich, dass einwandfreie Lebensmittel in rauen Mengen weggeworfen werden, während viele Menschen froh wären, überhaupt etwas auf dem Teller zu haben. «Deshalb habe ich schon als Teenager aus Containern Lebensmittel gerettet, die von Restaurants, Geschäften oder Privatpersonen weggeworfen worden waren», erzählt die 45-Jährige, die ihre Enttäuschung über das Verhalten der Wegwerfgesellschaft nicht verhehlen kann.
 

 

Essen fair-teilen
Das Konzept ist einfach: Foodsharing-Mitglieder, die sich ehrenamtlich engagieren, stellen an gut zugänglichen Orten kleine Kühlschränke auf. Diese «Fair-Teiler» werden von den Mitgliedern regelmässig kontrolliert und gereinigt. Das muss sein, denn auch die Fair-Teiler unterstehen dem Lebensmittelgesetz. In die Kühlschränke können alle ihr übrig gebliebenes Gemüse oder andere nichtverderbliche Ware legen – nach gewissen Regeln, die an den Kühlschränken hängen. Auch die Foodsaver steuern zu den Kühlschrankinhalten bei: Sie holen bei teilnehmenden Geschäften übrig gebliebene Lebensmittel ab und legen sie in die Fair-Teiler. Was im Kühlschrank steckt, kann von jedem, der möchte oder Bedarf hat, mitgenommen werden. Derzeit stehen im Kanton Zug zwei solcher Fair-Teiler: In der Jugi-Lounge in Cham und im JAZ – Lade für Soziokultur in Zug. «Ideal sind die Standorte nicht, da die Öffnungszeiten der Lokalitäten den Zugang zu den Fair-Teilern beschränken», sagt Myriam Birrer. Könnte sie es sich aussuchen, würde sie die Fair-Teiler landesweit in allen Kirchgemeindehäusern platzieren – weil das Thema Ökologie und Respekt vor Lebensmitteln untrennbar mit Spiritualität verbunden sei. Alternativ können auch über die Website www.foodsharingschweiz.ch sogenannte Essenskörbe online angeboten werden. «Unser Ziel ist es, die Verschwendung von Lebensmitteln immer weiter zu verringern, bis es uns nicht mehr braucht», sagt Myriam Birrer. Denn auch wenn das Konzept Foodsharing nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist: Steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein!
 


Thanksgiving
Thanksgiving kennt man aus unzähligen Filmen. Es ist allerdings keineswegs einfach die amerikanische Version hiesiger Erntedankfeste. Historisch gesehen erinnert Thanksgiving an die Pilgerväter – wahrscheinlich an eine Feier auf der Plymouth Plantage im Jahr 1621. Im Jahr zuvor hatten die Pilgerväter kaum etwas von den Feldern eingebracht, und viele der Auswanderer waren den Hungertod gestorben. Erst als ihnen die Indianer beibrachten, wie man Mais, Bohnen und Kürbis anbaut sowie Fisch und Meeresfrüchte fängt, konnten die Pilgerväter ihr Überleben sichern. Sie bedankten sich bei den Einheimischen, indem sie nach der Ernte gemeinsam eine Feier abhielten.

Diese Erntefeier hielt sich bei den europäischen Einwanderern in den nördlichen Kolonien, bis George Washington das Fest 1789 mit der «National Thanksgiving Proclamation» offiziell machte. Gefeiert wurde aber nicht an einem einheitlichen Tag, sondern je nach Staat irgendwann zwischen Oktober und Januar. Dies änderte sich erst 1863, als Abraham Lincoln mitten im Amerikanischen Bürgerkrieg Thanksgiving als nationalen Feiertag auf den letzten Donnerstag im November festlegte.

Wie der berühmte Truthahn auf den traditionellen Gabentisch gelangt ist, weiss niemand so genau. Wer die Tradition der präsidialen Truthahnbegnadigung ins Leben rief, ist dafür klar: Es war Ronald Reagan, der 1987 als erster Präsident einen Thanksgiving-Truthahn begnadigte und ihn so vor dem Ofen rettete. Sein Nachfolger, George W. Bush, machte daraus eine Tradition im Weissen Haus. Seither werden dem Präsidenten jedes Jahr ein bis zwei von den National Turkey Federation ausgesuchte Truthähne präsentiert, der sie vor laufenden Kameras und oft mit viel Jux und Flachserei begnadigt und in die Freiheit des Morven Park im Bundesstaat Virginia entlässt.

Für viele Amerikaner ist Thanksgiving ein wichtigeres Fest als Weihnachten. Es kann eben von jedem gefeiert werden, unabhängig der Religionszugehörigkeit. Und das meist im Kreis der Familie, sodass Strassen und öffentlicher Verkehr Jahr für Jahr an ihre Grenzen geraten, wenn Millionen Amerikaner den Weg zum Fest der Pilgerväter antreten.

Text: Erik Brühlmann, Kirche Z 10/2017

 

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