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Zwischen Restaurant und Szenetreff

Jedes Jahr sponsert die Reformierte Kirche Kanton Zug das traditionelle Weihnachtsessen im «Podium 41». Grund genug, dem Betrieb einen Besuch abzustatten.

Das «Podium 41» beim Zuger Schutzengel ist ein von aussen fast unscheinbares Gebäude an bester Lage am Ufer des Zugersees. Die wahren Qualitäten des Betriebs liegen in seinem Inneren. Denn es ist nicht nur ein Restaurationsbetrieb ohne Konsumationspflicht, sondern auch ein Treffpunkt für Randständige.

Vom «Chaos» zum «Podium 41»
2009 übernahm die Gemeinnützige Gesellschaft Zug (GGZ) im Auftrag der Stadt die Führung des «Podium 41». Doch die Idee eines Treffpunkts bestand schon viel länger. «Die ersten Skizzen stammen aus dem Jahr 1991», sagt Betriebsleiterin Judith Meyer und blättert in einem alten Fotoalbum. Aus diesen Zeichnungen entstand der Jugendtreff «Chaos», der seinerseits ins «Podium 41» überging. «Das war noch eine andere Welt damals», sagt jemand im Vorbeilaufen beim Anblick der alten Bilder. In der Tat: Jugendliche machen heute den kleineren Teil der Kundschaft aus. Der Rest besteht aus Angestellten aus der Umgebung und Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Dieser Spagat macht gleichzeitig den Reiz und die Schwierigkeit des Betriebs aus.

Arbeit als Sprungbrett
Neben zwölf Teilzeitangestellten gehören zum Team auch drei Teilnehmende – Menschen, die vom Beschäftigungs- und Integrationsprogramm von GGZ@Work profitieren. «Eine tolle Sache!», findet Judith Meyer, «und manchmal auch ein Sprungbrett zu einer Anstellung im ersten Arbeitsmarkt.» So geschehen zum Beispiel Anfang Jahr bei einem der Köche. Natürlich bestehe beim Übergang in die Festanstellung immer ein Restrisiko. Schliesslich hätten viele Teilnehmende jahrelang keine richtige Arbeit mehr gehabt oder mit persönlichen Problemen aller Art zu kämpfen. «Aber wenn wir ehrlich sind, gibt es ja bei keinem neuen Angestellten die absolute Sicherheit, dass es klappen wird.»

Jeden Tag Herausforderungen
Judith Meyer stiess vor zweieinhalb Jahren zum Team. «Ich kannte den Betrieb vorher gar nicht», sagt sie. Zuvor arbeitete sie als Arbeitsagogin mit Bewohnerinnen und Bewohnern des Therapiezentrums Lehn bei Luzern. «Ich suchte eine neue Herausforderung und fand sie hier – in jeder Beziehung!» Da wäre zuerst die ungewohnte Position als Betriebsleiterin, in die sie hineinwachsen musste. Und dann natürlich die sogenannte Stammkundschaft, die im Umgang nicht immer einfach ist. «Tagtäglich gilt es, irgendwelche Probleme zu schlichten», sagt die 50-Jährige. Alkohol und Drogen spielten dabei oft eine Rolle. Zwar arbeite man eng mit der Polizei zusammen, doch mittlerweile habe sie sich unter den Stammkunden so viel Respekt erarbeitet, dass sie vieles auch allein in den Griff bekomme. «Und wenn wir etwas nicht bewältigen können, ist die Polizei schnell auf dem Platz.» Auch wenn die Regeln im «Podium 41» ab und zu vielleicht mit etwas mehr Nachsicht ausgelegt werden, legt die Podiums-Leiterin grossen Wert darauf, dass das «Podium 41» kein rechtsfreier Raum ist. «Wir sprechen durchaus Hausverbote aus, und bei schweren Fällen werden auch Anzeigen erstattet.»

Durchmischtes Publikum
Die Menschen, die das «Podium 41» als Mittagsrestaurant nutzen oder es für Firmenanlässe buchen, stören sich dennoch kaum an den Stammkunden. «Jeden Tag haben wir zwischen 70 und 90 Mittagessen, meist von Angestellten der umliegenden Betriebe», sagt Judith Meyer, «und wir sind stolz darauf, dass dieses Aufeinandertreffen zweier Lebenswelten so gut funktioniert.» Geschlossene Gesellschaften gebe es zum Beispiel aus Prinzip nicht, denn man wolle den Stammgästen nicht das Gefühl geben, von etwas ausgeschlossen zu sein. Die Zuger Bevölkerung steht jedenfalls zu grossen Teilen hinter dem aussergewöhnlichen Konzept. Dies zeigte eine Abstimmung im November 2015, bei der 70 Prozent der Stimmbevölkerung dafür waren, die jährliche Unterstützung der Stadt in Höhe von 335’000 Franken beizubehalten. Ein Dank der Bevölkerung an die wichtige Arbeit, die im «Podium 41» geleistet wird.
 

Text: Erik Brühlmann, Kirche Z 12/2017

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