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Wo reden Gold ist

Das Zuger Trauercafé bietet allen Raum, die einen geliebten Menschen verloren haben. Es hilft viel zu wissen, dass man nicht allein ist.

Die meisten denken sehr selten über den Tod nach oder verdrängen ihn ganz aus ihrem Alltag. Doch er betrifft uns alle. Und wenn wir mit dem Tod von Angehörigen konfrontiert werden, ist das immer eine enorm schwierige Situation. Oft fühlen sich die Hinterbliebenen mit ihrem Schmerz allein. «Mich mit anderen auszutauschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, hat mir sehr geholfen und hilft mir noch immer », sagt Georges Bonetti. Seit dem Tod seiner Frau vor fast drei Jahren geht er regelmässig ins Trauercafé in Zug. «Ich hatte das Gefühl, dass ich unter die Leute muss – und auch wenn es mich am Anfang Überwindung kostete, war es die richtige Entscheidung.»

Reden hilft
Das Zuger Trauercafé – ein kostenloses Angebot verschiedener Trägerschaften im Kanton Zug – findet jeden ersten Freitag im Monat statt. Während rund zwei Stunden treffen sich Trauernde, um über ihre Gefühle zu sprechen, von ihren Erinnerungen zu erzählen oder einfach, um in der Gruppe zu sein und zuzuhören. «Es gibt auch Momente, in denen wir uns zusammen über eine schöne Erinnerung freuen können», so Georges Bonetti. Die Gesprächsrunden werden von zwei Fachpersonen begleitet, die über ein breites Wissen und Erfahrung im Umgang mit den Themen Tod und Trauer verfügen. Fünf Fachpersonen sind im Leitungsteam des Zuger Trauercafés. Die Pfarrerin und Spitalseelsorgerin Anja Niederhauser hat dieses Jahr den Vorsitz. Sie studierte nach ihrer Ausbildung zur Theologin noch Psychologie und befasste sich auch als Spitalseelsorgerin eingehend mit der Trauer. «Trauer und Trost sind äusserst schwierige und komplizierte Themen, und jeder Mensch reagiert sehr individuell auf den Verlust eines geliebten Menschen», sagt sie. «Aber ist es für viele heilsam, von ihren Gedanken und Gefühlen zu erzählen.» Oft könne man durch das Reden seine eigenen Gedanken wahrnehmen. «Der Perspektivenwechsel, der dadurch entsteht, kann bei der Trauerarbeit viel helfen», so Anja Niederhauser. Georges Bonetti betont, dass man im Trauercafé aber nicht reden müsse, wenn einem nicht danach zumute sei: «Viele hören einfach einmal zu, wie es anderen in einer ähnlichen Situation ergeht. Und manchmal scheint eine Art Damm zu brechen, und plötzlich beginnt jemand zu erzählen.»

Trauernde sind Experten
Die Fachpersonen, welche die Gesprächsrunde im Trauercafé begleiten, bereiten jeweils ein Thema vor. Erst stellen sich alle Anwesenden vor, dann eröffnen die Fachpersonen die Gesprächsrunde mit einer kurzen Einleitung. «Wir versuchen, einen Gedankenanstoss rund um die Themen Tod, Trauer und Trost zu geben – dann haben die Trauernden das Wort», so Pfarrerin Anja Niederhauser. Wichtig sind ihr dabei vor allem zwei Dinge: «Auch wenn wir Ausbildungen und Weiterbildungen absolviert haben, sind Trauernde sozusagen die alleinigen Experten – nur sie können entscheiden, was für sie der richtige Weg ist, um ihrem Schmerz zu begegnen.» Zudem sei das Trauercafé ein absolut geschützter Raum: «Was im Trauercafé gesagt wird, bleibt auch dort.» Georges Bonetti erlebt es sehr positiv, dass man im Trauercafé frei von seinen Erlebnissen erzählen könne «und es dann auch wieder ein wenig hinter sich lassen kann, um das Besprochene setzen zu lassen». Im Schnitt sind jeweils zwischen fünf und zehn Trauernde anwesend. Je nachdem können auch intensive Momente entstehen. «Für solche Situationen sind die Fachpersonen dort – sie lenken das Gespräch und geben acht, dass niemand überfordert wird», sagt Anja Niederhauser. Manchmal brauche jemand auch ein Gespräch zu zweit oder einen Moment für sich allein. «Die Fachpersonen sind wichtig – und sie machen ihre Arbeit sehr gut», sagt Georges Bonetti, «indessen darf man vom Trauercafé kein Rezept gegen den Schmerz erwarten. » Dies betont auch die Seelsorgerin Anja Niederhauser: «So verschieden die Menschen sind, so verschieden ist ihre Art, mit Schmerz und Trauer umzugehen. » Sie sei indessen immer wieder sehr berührt davon, wie Trauernde ihrem Schmerz begegneten und ihren Weg zurück ins Leben fänden: «Die Kraft unserer Psyche ist sehr eindrücklich.»

Text: KircheZ 04/2018 Nena Morf


Der positive Effekt des Benennens
Dass das Reden über schwierige Gefühle und Schmerz hilfreich ist, ist auch in der Neuro-Wissenschaft ein Thema. Laut Mathew Dylan Lieberman von der University of California wird eine negative Emotion gedämpft, wenn sie benannt und ausgesprochen wird. Der Professor für kognitive Neurowissenschaften veröffentlichte eine breit angelegte Studie zum Thema. Sein Team mass bei Probanden die Hirnaktivitäten in der Amygdala, während sie mit negativen Emotionen konfrontiert wurden. Die Amygdala ist jener Gehirnteil, der Erlebnisse mit Emotionen verknüpft und diese speichert. Starke Aktivitäten in der Amygdala weisen also zumeist auf starke Emotionen hin. Den Versuchspersonen wurden etwa Bilder von traurigen Gesichtern gezeigt. Nur wenn sie die erkannte Emotion aussprachen, gingen die starken Hirnaktivitäten in der Amygdala zurück, die sich bei der Betrachtung der Bilder entwickelt hatten. Mathew Dylan Lieberman sieht darin eine plausible Erklärung für den Effekt, den viele Menschen erleben, wenn sie im Gespräch negative Emotionen benennen und aussprechen – nämlich, dass diese ein wenig nachlassen.


Zuger Trauercafé
Jeden ersten Freitag im Monat von 16 bis 18 Uhr.
Alterszentrum Neustadt,Bundestrasse 4, Zug
Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Kontakt: Spitex Kanton Zug, Fachbereich Palliative Care 041 729 29 29 / pallcare@spitexzug.ch


Ein Raum für Mütter
Ab April 2018 findet ein Trauercafé für Mütter statt, denen ein Kind gestorben ist.
Jeden ersten Dienstag im Monat von 17.30 bis 19 Uhr.
Im Pier 41, Zug
Die Teilnahme ist kostenlos.
Anmeldung: Sekretariat der triangel Beratungsdienste, 041 728 80 80

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