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Pfingsten, Geburtsstunde der Kirche

Über kaum ein kirchliches Fest weiss die Öffentlichkeit so wenig Bescheid wie über Pfingsten. Was genau gefeiert wird und warum dieses Ereignis so wichtig ist für die Kirche, ist im eigentlichen Sinn unfassbar.

An Weihnachten wurde Jesus Christus geboren. Am Karfreitag starb er am Kreuz. An Ostern folgte die Auferstehung Jesu. Und an Auffahrt kehrte Jesus Christus zu seinem Vater in den Himmel zurück. Selbst kirchenferne Menschen wissen zumeist, was der Anlass für diese kirchlichen Feiertage ist. Doch Pfingsten? Hier wird es schon schwieriger, denn so einfach herzuleiten ist der Grund für den Feiertag nicht – was kann denn schon noch Wichtiges geschehen sein, nachdem Christus die Menschen endgültig verliess?

Der Hauch des Göttlichen
Die Antwort liefert die Apostelgeschichte im Neuen Testament. Dort heisst es im 2. Kapitel: «Da entstand auf einmal vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem die Apostel sassen ... und sie wurden alle erfüllt von Heiligem Geist.» (Apg 2,1–4). Wobei diese Antwort gleich eine weitere Frage aufwirft: Was ist dieser Heilige Geist, der, wie es Petrus anschliessend in seiner Pfingstpredigt sagt, am Pfingstfest «über alles Fleisch ausgegossen wurde» (Apg 2,33)? «Johannes Calvin sagte, dass der Glaube das Werk des Heiligen Geists ist», versucht der Baarer Pfarrer Manuel Bieler den Begriff zu fassen. «Er ist das, was das Göttliche mit dem Menschlichen verbindet.» Wäre Jesus, so der Pfarrer, einfach ein Mensch, dann wäre er ein exemplarisch guter Mensch, wie es auch andere gibt und gab. «Es wäre dann menschenmöglich, ihn zu verstehen und ihm zu folgen.» Doch Jesus ist eben auch göttlich, und dies übersteigt die Möglichkeiten des Menschen. Hier ist der Glaube gefragt, der durch den Heiligen Geist ermöglicht wird.

Verbinden, ohne zu vereinheitlichen
Glauben heisst auch Verbinden, sich auf eine Verbindung einlassen. Dies ermöglicht der Heilige Geist, der als Windhauch alles erfüllt. «Er ermöglicht eine Verbindung, aber er fordert oder erzwingt sie nicht», sagt Manuel Bieler. «Er vereint, ohne zu uniformieren. Er verbindet die Menschen mit Gott und auch untereinander – wenn sie sich denn darauf einlassen.» Symbolisiert wird dies im Pfingstwunder: «Und es erschienen den Aposteln Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten, und auf jeden von ihnen liess eine sich nieder. Und sie wurden alle erfüllt vom Heiligen Geist und begannen, in fremden Sprachen zu reden.» (Apg 2,3–4). Zwar waren viele, die Zeugen dieses Wunders wurden, erstaunt und beeindruckt davon, dass die Apostel von Gottes Taten in verschiedenen Sprachen berichteten, welche die ganze Bevölkerung erreichten. Es gab aber auch jene, die eine ganz profane Trunkenheit am frühen Morgen vermuteten. Diese Zweifel beseitigte der Heilige Geist nicht, sondern er liess sie zu. «Der Heilige Geist ist ein Geist der Freiheit, der Vielsprachigkeit und entsprechend Missverständnis und Uneinigkeit zulässt», fügt der Pfarrer an. «Der Heilige Geist ermöglicht nur die Kommunikation und damit die Verbindung unter denen, die sich darauf einlassen. Es gibt Verständigung, aber ohne Vereinheitlichung.»

Kirche gründet im Heiligen Geist
Es klingt ganz danach, als gäbe es ohne Heiligen Geist keine Kirche. «Das ist auch so», sagt Manuel Bieler, «deshalb wird Pfingsten als Gründungsfest der Kirche gesehen.» Der Heilige Geist ermögliche die Erfüllung des göttlichen Doppelgebots der Liebe: Liebe Gott, deinen Nächsten wie dich selbst. «Der Heilige Geist ist ja der Geist der Liebe. Kirche ist entsprechend als Glaubensgemeinschaft keine festgemachte Sache, sondern ein lebendiges Beziehungsgeschehen, das um das Verständnis der Liebe kreist und sich aus ihr heraus dienstbar der Welt zuwendet.» Tue eine Gemeinschaft das, dann habe das etwas unerwartet Wunderbares – gerade wenn man an das Postulat des Neurologen Gerhard Roth denke, «dass eigentlich das Unverständnis unter den Individuen der Normalzustand ist», so der Pfarrer. Von der Kraft dieses Wunders beseelt, zogen die Apostel in die Welt und vergrösserten die christliche Gemeinschaft. Bieler: «Nüchtern historisch betrachtet, ist diese Entwicklung von einer jüdischen Sekte zu einer weltweiten Bewegung unerklärlich und fast schon ein weiteres Wunder, das der Heilige Geist wirken konnte.»

Predigen ohne Heiligen Geist geht nicht
Für Pfarrer Manuel Bieler steht denn auch fest, dass der Heilige Geist bis heute wirkt, ja, wirken muss. Das zeige sich deutlich in der Arbeit als Pfarrer in der Gemeinde. «Predigen ist ohne den Heiligen Geist gar nicht möglich», sagt er, «und jede Predigt ist im Grund ein kleines Pfingstereignis.» Dass das gesprochene Wort auch bei einer Predigt bei jedem Zuhörer und jeder Zuhörerin anders ankommt, verstehe sich von selbst. «Trotzdem entsteht daraus etwas Gemeinsames, Verbindendes – und das ist alles andere als selbstverständlich!»

Kaum Kommerz, kaum Brauchtum
Trotz aller Erklärungsansätze bleibt der Heilige Geist jedoch schwer fassbar – «weil das Besondere des Heiligen Geists gerade etwas Dynamisches ist», sagt Manuel Bieler: «Der Heilige Geist ist jenes Geschehen, das die Wirklichkeit von lebendiger Beziehung begründet. Das ist letztlich nicht fass- oder erklärbar, sondern im Geheimnis der Liebe verborgen.» Dies könnte mit ein Grund sein, weshalb sich die Bedeutung von Pfingsten nicht so im Bewusstsein der Menschen festgesetzt hat, wie dies bei den anderen Hochfesten der Fall ist. «Das hat aber auch den positiven Nebeneffekt, dass Pfingsten nicht so kommerzialisiert wurde wie Ostern oder Weihnachten», sagt der Pfarrer. Wie auch, gibt es doch kaum Pfingstbräuche, an denen man den Kommerz festmachen könnte. Und wenn doch, sind sie entweder stark regional bezogen wie das Pfingstbaumpflanzen in der Lüneburger Heide; oder der Zusammenhang zu Pfingsten erschliesst sich nicht so leicht, wie beim geschmückten Pfingstochsen, der in einigen deutschen Regionen das Vieh zum ersten Mal im Jahr auf die Weiden führt – praktisch die deutsche Version des Alpaufzugs. Einfacher zu erklären ist da schon, weshalb Pfingstlager sich in der kirchlichen und freien Jugendarbeit stets grosser Beliebtheit erfreuten: Sie zelebrieren das Miteinander unterschiedlicher Charaktere, die für einige Tage zu einer verschworenen Gemeinschaft werden.

Kein offizielles Thema bei den Kleinen
Apropos Jugendliche: Wie bringt man jungen Menschen ein so kompliziertes kirchliches Fest näher – zum Beispiel im Religionsunterricht? «Im Stoffplan des Kantons Zug ist Pfingsten erst in der 6. Klasse ein Thema», sagt Susanne Oberhänsli aus Unterägeri, die seit 16 Jahren als Religionslehrerin tätig ist. «Momentan unterrichte ich eine 2. und eine 4. Klasse, und es ist mir wichtig, dass auch diese Kinder eine Ahnung haben, worum es bei Pfingsten geht.» Von Haus aus brächten die Kinder dieses Wissen nämlich nicht mit, sagt die Religionslehrerin – wie auch, wenn schon die Eltern in Sachen Pfingsten eine Wissenslücke aufweisen. «Kaum jemand weiss, was nach der Auferstehung Jesu geschehen ist!» Vielleicht liege es an einer wenig griffigen Symbolik, mutmasst Susanne Oberhänsli. Die Weihnachtskrippe mit dem Jesuskind und der Tod am Kreuz am Karfreitag widerspiegeln die Ereignisse in der Tat für moderne Menschen verständlicher als ein Heiliger Geist, der nicht sichtbar ist und fast rauschähnliche Zustände auszulösen scheint.

Intuitives Verständnis
Wenn es darum geht, den Kindern Pfingsten zu erklären, bedient sich Susanne Oberhänsli einer einfachen Methode: «Ich setze das Fest in die Reihe der anderen Kirchenfeste, sodass für die Kinder eine nachvollziehbare Abfolge der Ereignisse entsteht», erklärt sie. Gute Dienste leistet der Religionslehrerin dabei ein selbstgemachter Wandbehang, der alle Kirchenfeste symbolisch darstellt. «Auf diese Weise sehen die Kinder auf den ersten Blick, dass die Geschichte mit dem Tod Jesu noch nicht zu Ende ist», sagt sie. So erzählt sie den Kindern von der Auferstehung Jesu, vom Eingang Jesu in den Himmel an Auffahrt und schliesslich vom Heiligen Geist, den Jesus seinen Gefährten angekündigt hat. «Es ist mir wichtig, dass die Kinder verstehen, dass Jesus von uns gegangen und an seiner Stelle an Pfingsten der Heilige Geist gekommen ist.» Das Pfingstwunder lässt die Religionslehrerin in den unteren Klassen aus, auch wenn, wie sie sagt, die Kinder einen erstaunlich intuitiven Zugang zu den Ereignissen an Pfingsten hätten. Vielleicht ist auch dies eine Art Pfingstwunder: dass Kinder den Heiligen Geist eher erfassen als Erwachsene mit ihrer intellektuellen Herangehensweise.

Text: KircheZ 05/2018 Erik Brühlmann

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