Aktuell

Hinter den Kulissen

Sonnenblumen zum Mitnehmen
Das Feiern des Gottesdiensts ist für viele ein wichtiger Anker im Alltag. Ein Gottesdienst kann aber nur stattfinden, wenn alle Mitwirkenden eng zusammenarbeiten. Ein Besuch bei den Vorbereitungen im Bezirk Hünenberg zeigt, welche Aufgaben anfallen. Die gelb leuchtenden Sonnenblumen sind prächtige Farbtupfer im sonst eher schlicht gehaltenen Gottesdienst-Raum. Sie werden am heutigen Gottesdienst in der Reformierten Kirche Hünenberg eine wichtige Rolle spielen – und wohl auch in den kommenden Tagen einige der Besucher und Besucherinnen zum Nachdenken anregen. Denn die Pfarrerin Aline Kellenberger nimmt während ihrer Predigt immer wieder symbolisch Bezug auf die Blumen des Sommers. Wunderschön vorgetragen und zwischendurch mit passenden Liedern zu sanftem Orgelspiel untermalt, verknüpft sie während des Gottesdiensts verschiedene Lebensthemen mit dem christlichen Glauben. Da der Bezirk Hünenberg relativ klein ist und bis vor einigen Jahren an den Bezirk Rotkreuz angegliedert war, findet hier der Gottesdienst alle zwei Wochen statt, alternierend mit Rotkreuz. Dennoch ist die Arbeit für alle Beteiligten gross – denn ein Gottesdienst stellt hohe Ansprüche.

Die Predigt am Anfang
Neben der Pfarrerin sind der Sigrist und die Organistin massgeblich an den Vorbereitungen beteiligt. Doch bevor Sigrist und Organistin mit ihrer Arbeit beginnen können, muss erst einmal die Predigt geschrieben werden. «Handelt es sich nicht um einen besonderen Feiertag, wie etwa an Weihnachten oder Ostern, wähle ich meistens ein Thema, das mich selbst als Menschen beschäftigt – meistens springt es mich einfach an», so die Pfarrerin zu den Auswahlkriterien. Die Predigt mit den Analogien zu den Sonnenblumen schrieb sie in ihrem Büro im Pfarrhaus: Von ihrem Schreibpult aus blickt sie direkt in den grossen Garten ihrer Nachbarin, wo zurzeit unzählige Sonnenblumen blühen. «Der Gottesdienst ist keine intellektuelle Vorlesung», erklärt Aline Kellenberger. «Im Idealfall findet jeder und jede einen oder zwei Gedanken, die er oder sie in den Alltag mitnehmen kann.» In vielen Gemeinden folgen die Pfarrerinnen und Pfarrer einer Perikopenordnung, einer Zusammenstellung von Bibelausschnitten. Daneben sind auch die Lectio continua gebräuchlich: Dabei beschäftigt sich die Predigt mit dem fortlaufenden Text eines biblischen Buchs. Ist das Thema gefunden und die Predigt geschrieben, legt Aline Kellenberger den Ablauf des Gottesdiensts fest: Sie wählt die Gebetstexte und passende Lieder aus und legt deren Reihenfolge fest. Per E-Mail sendet sie dann den Ablauf an Sigrist Hans Schiess und Organistin Silvia Affentranger.

Unkompliziert und kameradschaftlich
«Wenn möglich, hole ich die Blumen direkt auf dem Feld», erzählt Hans Schiess. Er ist seit 20 Jahren Sigrist in Hünenberg und mittlerweile geübt in den Vorbereitungen. Der Beruf des Sigristen oder Mesmers ist sehr vielfältig: Handwerkliches Können sei dabei genauso gefragt wie organisatorisches Geschick und eine gute Kontaktfähigkeit, heisst es im Leitbild des Schweizer Sigristenverbands. Das Dekorieren macht nur einen kleinen Teil seines Aufgabengebiets aus: Stets behält ein Sigrist den Überblick, und er kümmert sich sowohl um die Technik als auch um den Apéro nach der Predigt, wenn die Besucher und Besucherinnen noch beisammenstehen und sich unterhalten. Während die Organistin Silvia Affentranger kurz vor dem Gottesdienst nochmals die Lieder einübt und der noch leere Saal von ihrem Orgelspiel erfüllt ist, richtet Hans Schiess zuerst die Lichttechnik ein und hängt dann die Liedernummern für alle gut sichtbar an die Steinwand. Seinem prüfenden Blick entgeht keines der Gläser, die er neben dem Apéro-Gebäck sorgfältig bereitstellt. Das Team – sprich die Pfarrerin, die Organistin und er – sei, so der Sigrist, sehr gut eingespielt. Es reiche für die Vorbereitungen, wenn Aline Kellenberger ihnen den Ablauf des Gottesdiensts maile. Als die Pfarrerin an diesem Sonntagmorgen eintrifft, hat Hans Schiess ihr Funkmikrofon bereits eingerichtet und übergibt es ihr bei der Begrüssung. Der Umgang zwischen Sigrist und Pfarrerin ist herzlich und kollegial – sie arbeiten gut zusammen. «Wir handhaben die Organisation sehr unkompliziert und dynamisch », sagt Hans Schiess über die Zusammenarbeit. «Ein reger Austausch und eine gute Kommunikation sind das A und O in unseren Berufen», ergänzt die Pfarrerin.

Austausch und Kommunikation
«Dieses Mal musste ich die Orgelstücke vor dem Gottesdienst nochmals üben», sagt Silvia Affentranger, die rund zweimal in der Woche an der Orgel im Kirchenzentrum übt. Sie ist hauptbe-ruflich Organistin und spielt auch Konzerte in weltlichen Orchestern und mit Chören. Silvia Affentranger geniesst die fruchtbare Zusammenarbeit mit der Pfarrerin: «Da Aline Kellenberger viel von Kirchenmusik versteht, macht sie oft spannende Liedvorschläge.» Die Arbeit als Organistin mache umso mehr Freude, wenn das Zusammenspiel von Predigt und Musikauswahl so dynamisch funktioniere wie in Hünenberg. «Manchmal inspiriert mich ein Stück zu einem Thema für die Predigt; dann kann es auch vorkommen, dass die Musikstücke ein Anstoss für den Inhalt sind», so die Organistin. Natürlich übt sie auch zu Hause – ihre digitale Orgel fühle sich beim Spielen an wie eine echte. Doch in einem Gottesdienst zu spielen, sei nicht nur von der Klangfarbe her nochmals ein ganz anderes Erlebnis. «Ich bin auch zuständig für die Wartung der Orgel und stimme die Zungenregister grösstenteils selbst.» Dass die Orgel in der Reformierten Kirche Hünenberg eher ein kleines Modell ist, passt der zierlichen Frau ganz gut, «für mich stimmt die Arbeit in Hünenberg auf allen Ebenen». Beim Ausgangsspiel lauschen alle Gemeindemitglieder dem virtuosen Spiel der Organistin – ausser Sigrist Hans Schiess. Er ist schon dabei, den Orangensaft, das Mineralwasser und den Weisswein aus dem Kühlschrank zu holen, damit für die Besucherinnen und Besucher alles bereitsteht, wenn sie den Saal verlassen. Heute hat er auch eine Blumenschere bereitgelegt. Denn die prächtigen Sonnenblumen sind ein Geschenk.

Wächter im Haus Gottes und Visitenkarte der Kirche
Sigrist, Mesmer, Küster, Kirchner, Glöckner, Wächter, Sagrestano, Sacrista: So verschieden die Berufsbezeichnungen sind, genauso vielfältig sind die Aufgaben des Sigristen. Im frühen Christentum übernahmen Diakone unter anderem das Amt, für die kirchliche Ordnung zu sorgen. Das Amt der Vorsänger der Gemeinde hatten die Küster vor allem im Luthertum vom 16. bis ins 17. Jahr-hundert inne, während sie bis zum 19. Jahrhundert oft auch als Dorflehrer fungierten. Heute ist der Sigrist ein Logistiker, der alles Mögliche rund um die verschiedenen Kirchenanlässe organisiert, er ist ein Handwerker, der sich um die Technik kümmert, und er ist ein Gastgeber, der immer ein offenes Ohr für die Gemeindemitglieder hat. Sein Beruf gehört heuer zu den Erwachsenenberufen – das bedeutet, dass die sogenannten Lehr- und Wanderjahre abgeschlossen sein sollten und der Sigrist über eine gewisse Lebenserfahrung verfügen muss, ehe er sein Amt antritt.

Text: Nena Morf, Kirche Z 9/2017

 

nach oben