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Frauenpower

Ohne Frauen keine Reformation
Reformation – da denkt man zuerst einmal an Zwingli oder Luther und damit an aufmüpfige Männer der Kirche. Doch es gab auch viele Frauen, die während der Reformationszeit die neuen Werte täglich lebten, verteidigten und weitergaben. Ihre Namen werden nun allmählich aus dem Dunkeln geholt.

Die Umwandlungsprozesse der Reformation betrafen alle Teile des öffentlichen und privaten Lebens – vom politischen Gefüge über die Bildung bis zur Familie und Beziehung zwischen Mann und Frau. Kurzum: Die Veränderungsprozesse im Zuge der Reformation betrafen jeden – und eben auch jede. Während nun aber Luther, Zwingli oder Calvin im Zusammenhang mit der Reformation überaus geläufige Namen sind, ist über die Rolle der Frauen in der Reformation wenig bekannt. Einige Reformatorinnen werden zwar gerade zum 500-jährigen Jubiläum nun öfter genannt, aber meistens in Zusammenhang mit den Reformatoren. Was bedeutete die Reformation eigentlich für die Frauen im Allgemeinen, und wie beeinflussten sie die Schritte Europas in die sogenannte Neuzeit?

Das verzerrte Frauenbild
In ihrem Buch «Hör nicht auf zu singen» erzählen Rebecca A. Giselbrecht und Sabine Scheuter von den Zeuginnen der Schweizer Reformation und räumen mit dem einen oder anderen Vorurteil auf. «Um die Rolle der Frau während der Reformation zu verstehen, muss man deren Rolle in der damaligen Gesellschaft genau anschauen», sagt Rebecca A. Giselbrecht. «Dieses Unterfangen wird durch die einseitig männliche Geschichtsschreibung massiv erschwert.» Die Oberassistentin am Lehrstuhl für praktische Theologie an der Universität Zürich forscht schon lang zum Thema Frauen der Schweizer Reformation. Sie kritisiert, dass die Frauen der Reformationszeit viel zu selten im öffentlichen Fokus stünden: «Gleichzeitig beschäftigt sich auch die Forschung vergleichsweise sehr wenig mit den Reformationsfrauen, während die Reformatoren noch immer viel Aufmerksamkeit erhalten. » Nun, worüber man noch wenig weiss, darüber kann auch noch nicht viel erzählt werden – und wo wenig erzählt wird, bleibt das Interesse zuweilen verhalten. «Doch wir müssen das verzerrte Bild der Frauen im Mittelalter berichtigen», sagt Rebecca A. Giselbrecht. Denn laut neuesten Untersuchungen, so die promovierte Theologin, hätten Frauen in den alten traditionellen Gesellschaften definitiv mehr Freiheiten gehabt, als die Geschichtsschreibung bisweilen den Anschein macht. Natürlich waren Rang und Bildung in Bezug auf den gesellschaftlichen Einfluss äusserst entscheidend – genauso wie bei den Männern. «Doch bis ins 16. Jahrhundert gab es zum Beispiel nicht selten Frauen, die einen Handwerksbetrieb oder ein Familienunternehmen jeglicher Grösse selbstbestimmt leiteten. » Die Frauen hatten also durchaus etwas zu sagen, sie hatten die Freiheit, sich eine Meinung zu bilden – und sie vertraten ihre Standpunkte vehement.

Frei und voller Mut
Neben den grossen Frauen der Reformation – wie etwa Anna Reinhart, Ehefrau von Ulrich Zwingli, Margarete Blarer, unverheiratete «Ausnahmefrau aus Konstanz», oder Katharina von Zimmern, letzte Äbtissin des Fraumünsterkloster in Zürich – gab es Zigtausende, die aktiv die neuen reformatorischen Werte mitgestalteten. Sie nutzen ihre Stellung und ihren Einfluss, um die Gesellschaft in die Richtungen zu lenken, die sie für richtig hielten. «Dabei hatten die Frauen grosse Entscheidungsfreiheit und waren oft auch finanziell nicht von den Männern abhängig», so Rebecca A. Giselbrecht. Anna Reinhart etwa, die selbst vermögend war sowie vermutlich lesen und schreiben konnte, heiratete Ulrich Zwingli aus freien Stücken. Sie ging damit auch ein Risiko ein und blieb von den teils gewalttätigen Widerständen nicht verschont. Viele Reformationsfrauen hätten oft grossen Mut bewiesen – sei es durch die Heirat mit einem Pfarrer, die zu Beginn der Reformation riskant sein konnte, oder mit Briefen an Ratsherren und öffentlichen Schriften, wie die Deutsche Gelehrte Argula von Grumbach sie verfasste; zur damaligen Zeit ein Skandal von Frauenhand.

Werte als Waffen
«Das Wort Gottes muss unsere Waffe sein – nicht mit Waffen dreinzuschlagen, sondern den Nächsten zu lieben und Frieden untereinander zu haben», schrieb etwa die eben genannte Reformatorin Argula von Grumbach 1524 an den Bürgermeister und die Ratsherren der Reichsstadt Regensburg. Übrigens wurde keiner ihrer Briefe je beantwortet, viele ihrer Schriften gingen zudem verloren. Trotz der spärlichen Überlieferungen ist laut Rebecca A. Giselbrecht klar: «Die Reformationsfrauen lebten und vertraten die Werte der Reformation tagtäglich » – nicht auf dem Schlachtfeld, wo berühmte Legenden wie zum Beispiel die Erzählung vom «Wurstessen» oder der «Kappeler Milchsuppe» entstanden. Sie hätten die Geschichte aus einem anderen Stoff gewebt – weniger grell, aber nicht minder widerstandsfähig: Oft seien sie die aktiven Wohltäterinnen der Gesellschaft gewesen, die sich stark für Ärmere und Schwächere einsetzten. «Auch verankerten die Frauen den Glauben und die Werte der Frömmigkeit und Barmherzigkeit fest in den Familien», sagt die Theologin. Damals stieg der Stellenwert der partnerschaftlichen Ehe und der achtsamen Kindererziehung in der Gesellschaft enorm; die starken und gefestigten Reformatorinnen lebten das Gedankengut der Reformation in der Familie und gaben es an ihre Kinder und Enkelkinder weiter. So schufen sie ein Vermächtnis, das in den Geschichtsbüchern oft vergessen geht, aber ohne das die Reformation nicht hätte stattfinden können.

Anna Reinhart (1484 – 1538) – die First Lady der Zürcher Reformation
Anna Reinhart war die Tochter eines Zürcher Wirtsehepaars. Die Wirtshäuser waren der Ort für Diskussionen über Politik und Religion, der tagsüber auch von Frauen allein aufgesucht wurde. Anna wuchs demnach in einer anregenden intellektuellen Atmosphäre auf. Nach ihrer ersten Ehe mit Hans Meyer lebte die Witwe zwei Jahre mit Ulrich Zwinglie zusammen, ehe sie ihn heiratete. Nach heutigen Erkenntnissen war Anna Reinhart wohlhabend, was sie aber nicht zur Schau stellte. Ihre Fürsorge galt den Armen, ihre Energie widmete sie dem Aufbau des Armenwesens der Stadt Zürich. Anna Reinhart und Ulrich Zwingli hatten vier Kinder, die alle für das reformatorische Gedankengut kämpften.

Argula von Grumbach (1492 – 1568) – die belesene Publizistin
Die in München geborene Argula von Grumbach verfügte über umfassende Bibelkenntnisse und las zudem alle Schriften von Martin Luther. Sie schrieb auch selbst an Luther und stand mit Georg Spalatin und Andreas Osiander im Briefwechsel. Als in Ingolstadt der 18-jährige Wittenberger Magister Arsacius Seehofer zum Widerruf gezwungen und ins Kloster Ettal verbannt wurde, trat sie mit einigen Sendschreiben an den bayerischen Herzog Wilhelm und an die Ingolstädter Universität heran – und erregte damit grosses Aufsehen. Ihre Schriften verbreiten sich weit über Bayern hinaus und erreichten rund 30’000 Leser. Argula wurde so eine der ersten weiblichen Autorinnen im Protestantismus.

Katharina von Zimmern (1478 – 1547) – die letzte Äbtissin des Fraumünsterklosters
Hans Werner von Zimmern, der Vater von Katharina von Zimmern, war einer der engsten Berater des Herzogs Sigismund von Österreich. Als dieser 1491 von Kaiser Friederich III. entmachtet wurde, waren auch seine Berater in Gefahr. Hans Werner von Zimmern musste fliehen: Zuvor vertraute er seinen beiden Töchtern Anna und Katharina 1491 das Fraumünsterkloster in Zürich an. Zwei Jahre später wurde Katharina zur Äbtissin gewählt. Als Frau von Bildung und Ansehen erlebte sie die theologischen Diskussionen ihrer Zeit aus nächster Nähe. Eine ihrer ersten Amtshandlungen bestand darin, Heinrich Engelhart, einen späteren Parteigänger Ulrich Zwinglis, zum Leutpriester im Fraumünster zu ernennen. 1524 übergab sie die Abtei dem reformatorisch gesinnten Rat der Stadt Zürich. Ihren Verzicht auf Amt und Würde erklärte sie mit der «Gestalt der Läufe» und damit, dass sie der Stadt Zürich «grosse Unruhe und Ungemach» vermeiden wollte. Bleibende Spuren hinterliess Katharina von Zimmern zudem als Bauherrin und Kunstmäzenin.

Margarete Blarer (1494 – 1541) – die unverheiratete Humanistin und Geschäftsfrau
Margarete Blarer wurde in Konstanz geboren. Sie genoss eine hervorragende humanistische Bildung, lernte Latein und las sowie kommentierte die theologischen Schriften von Erasmus von Rotterdam. Nach dem Tod ihrer Mutter übernahm Margarete Blarer die Verantwortung für das elterliche Haus und Geschäft. Die Ehe lehnte sie ebenso ab wie den Eintritt in ein Kloster. Sie widmete sich der Versorgung kranker und alter Menschen, die sie durch ihren florierenden Leinenhandel finanzierte. Auch ihre Brüder profitierten von ihren Einkünften und konnten sich ungestört unbezahlten Tätigkeiten in der Kirche widmen. 1541 erkrankte Margarete Blarer an der Pest – während der Krankenpflege im Inselkloster –, und sie starb im Alter von 47 Jahren.

Marie Dentière (1495 – 1561) – die mutige Schriftstellerin
Die Genferin war Priorin des Augustinerinnenklosters von Près in Tournai, als sie eine Anhängerin von Martin Luther wurde. 1524 zog sie nach Strassburg, wo sie den reformierten Pfarrer Simon Robert heiratete. Nach seinem Tod 1533 lebte Marie Dentière mit ihrem zweiten Ehemann in Genf, wo sie versuchte, den Nonnen in der Umgebung den evangelischen Glauben nahezubringen. Marie Dentière veröffentlichte mehrere historische und theologische Schriften – unter anderem eine «Verteidigungsschrift für die Frauen». Der Genfer Stadtrat verfügte, dass alle Exemplare der Schrift, die auch die Genfer Pastoren kritisierte, eingezogen wurden. Marie Dentière eröffnete daraufhin ein Mädchenpensionat in Massogny und unterrichtete alte Sprachen. Ein 1561 erschienenes, mit den Initialen M. D. signiertes Vorwort zu einer Predigt Calvins über die Schicklichkeit weiblicher Kleidung wird ihr zugeschrieben – offiziell verliess aber während des gesamten 16. Jahrhunderts kein einziges von einer Frau verfasstes Buch die Genfer Druckerpressen.

«Hör nicht auf zu singen» Zeuginnen der Schweizer Reformation
Rebecca A. Giselbrecht, Sabine Scheuter (Hg.)
268 Seiten, CHF 39.80
Theologischer Verlag Zürich

Text: Nena Morf, Kirche Z 7-8/2017

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