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Die ganze Vielfalt

Das Neue Testament ist ein männlich geprägtes Buch – doch es werden darin auch über 50 Frauen genannt. Wer sind sie? Und lassen sie sich bestimmten Rollen zuordnen?

Es ist keine Frage: Die Bibel ist ein in vielerlei Hinsicht patriarchalisches Buch. Wer Gleichberechtigung als selbstverständlich erachtet, muss immer wieder einmal nach Luft schnappen, wenn er oder sie das Alte Testament liest. Da werden Töchter Gästen des Hauses zur Schändung angeboten oder gleich im Feuer geopfert; einmal teilen sich Gott und Israeliten kurzerhand 32’000 erbeutete Jungfrauen. Im Neuen Testament geht es zwar etwas weniger archaisch zu und her, aber auch dort gibt es Stellen, die aufgeklärten Menschen die Haare zu Berge stehen lassen: «Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn», heisst es in Paulus’ Brief an die Epheser. «Denn der Mann ist das Haupt der Frau.» Das ist selbst angesichts des üblichen Einwands, man müsse eine solche Aussage im historischen Kontext lesen, ein starkes Stück.

Männer, Männer, Männer
Patriarchalisch wirkt die Bibel auch deshalb, weil Männer darin eindeutig die Hauptrollen spielen – und dies auch im Neuen Testament. Jesus, der Sohn von Gottvater, schart zwölf männliche Jünger um sich, Johannes tauft und prägt ihn, mächtige Männer sind hinter ihm her, erst Herodes, dann Pontius Pilatus. Ja, könnte man und vor allem frau da fragen, spielen Frauen in der Bibel denn überhaupt eine Rolle – und wenn ja, ist diese stets ganz auf den Mann ausgerichtet, das laut Paulus übergeordnete Geschlecht? Nun, so ist es glücklicherweise nicht. Das Neue Testament ist sicherlich kein feministisches Werk, aber man findet darin durchaus wichtige und interessante Frauenfiguren.

«Grüsst mir die Frauen»
Wie viele Frauen im Neuen Testament überhaupt vorkommen, ist nicht ganz klar. Das hat zum einen damit zu tun, dass es verschiedene Versionen der Textsammlung gibt, zum anderen damit, dass in einigen Fällen die Geschlechtszuordnung nicht eindeutig ist. Das englischsprachige wissenschaftliche Bibelprogramm «BibleWorks» gibt an, im Neuen Testament würden 54 Frauennamen vorkommen – gegenüber rund 500 Männernamen. Viele dieser 54 Frauen werden allerdings nur gerade einmal erwähnt. Etwa beim Stammbaum von Jesus im Matthäus-Evangelium: «Salmon zeugte Boas mit der Rahab. Boas zeugte Obed mit der Rut.» Oder im Römerbrief von Johannes: «Grüsst Tryphäna und Tryphosa, die im Herrn arbeiten. Grüsst meine liebe Persis, die viel gearbeitet hat im Herrn.» Zieht man diese inhaltlich nicht weiterführenden Nennungen und die gelegentliche Erwähnung von Frauen aus dem Alten Testament ab, bleiben noch etwa 20 Frauenfiguren, die im Neuen Testament eine Rolle spielen.

Maria oft nur «die Mutter» oder «die Frau»
Am häufigsten erwähnt wird Maria, die Mutter von Jesus. Allerdings überrascht ein wenig, wie wenig plastisch diese Figur ist – angesichts der immensen Bedeutung, die Maria vor allem in der katholischen Tradition geniesst. In den ältesten neutestamentlichen Texten, den Briefen von Paulus, wird sie kein einziges Mal namentlich erwähnt; im Galaterbrief heisst es lediglich, Jesus sei von einer Frau geboren worden. Auch im Johannes-Evangelium wird Maria nie genannt, bei Markus fällt ihr Name gerade einmal, bei Matthäus redet Maria nicht und wird auch nicht angesprochen.

Längste Rede einer Frau
Eine grössere Rolle spielt sie hingegen im Lukas-Evangelium: Dort steht sie im Zentrum der Geburtsgeschichte von Jesus. Dabei begegnen wir einer anderen Frau, Elisabet. Sie wird als Cousine von Maria bezeichnet und ist mit Johannes dem Täufer schwanger; dadurch werden Jesus und Johannes zu fast gleichaltrigen Verwandten. Den Abschluss der Geburtsgeschichte bei Lukas bildet das Magnificat, der längste Redeabschnitt von Maria und überhaupt einer Frau im Neuen Testament. Gegen Ende der Lebensgeschichte von Jesus tritt Maria erneut auf. Bei Johannes ist sie eine Zeugin der Kreuzigung, in der Apostelgeschichte nimmt sie nach der Auferstehung von Jesus am Gebet der Jünger teil. Trotzdem scheint sie mit der Geburt von Jesus ihre Aufgabe mehr oder weniger erfüllt zu haben. Auch andere Frauen, die im Neuen Testament vorkommen, spielen vor allem in ihrer Funktion als Mütter eine Rolle: die erwähnte Elisabet oder Eunice, die Mutter von Timotheus, eines Mitarbeiters von Paulus. Eine zweite Gruppe von Frauen, die im Neuen Testament Erwähnungen finden, sind die Angehörigen mächtiger Männer: Claudia Procula, die Frau von Pontius Pilatus, oder die Frau und die Stieftochter von Herodes.

… und eigenständige Frauen
Es wäre aber falsch anzunehmen, Frauen würden im Neuen Testament nur im Zu sammenhang mit ihren bekannteren Söhnen, Vätern und Ehemännern genannt. Es gibt eigenständige Frauenfiguren. Zum Beispiel Maria Magdalena, welche die Menschen seit jeher fasziniert – und der Hollywood jetzt auch einen grossen Film widmet: An Ostern kommt «Mary Magdalene» ins Kino. Die Werbung verspricht die «authentische Lebensgeschichte der Begleiterin von Jesus», tatsächlich lässt die Überlieferung aber sehr viel Spielraum für die Ausschmückung dieser Lebensgeschichte durch Drehbuchautoren. Wie auch im Fall der Mutter von Jesus erzählt die Bibel nämlich wenig über Maria Magdalena.

«Apostelin der Apostel»
Bei Markus heisst es: «Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria Magdalena, von der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte.» Dieser eine Vers enthält gleich die wichtigsten Elemente der Geschichte von Maria Magdalena: die auch bei Lukas erwähnte Dämonenaustreibung sowie die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus. Dass Jesus zuerst Maria Magdalena gegenübertrat, gibt dieser eine grosse Bedeutung. Bei Johannes heisst es dazu: «Spricht Jesus zu ihr: ‹Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.› Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: ‹Ich habe den Herrn gesehen›, und was er zu ihr gesagt habe.» Maria Magdalena wird dadurch zur ersten Übermittlerin der Botschaft Jesus, oder wie Hippolyt von Rom im 3. Jahrhundert schrieb: zur «Apostelin der Apostel».

Hure und Heilige?
Im 6. Jahrhundert setzte Papst Gregor I. Maria Magdalena dann aus nicht ganz einsichtigen Gründen mit der bei Lukas erwähnten namenlosen Sünderin gleich, die Jesus die Füsse wäscht; bei Johannes führt Maria von Bethanien diese Waschung durch. Mit seiner Festlegung schuf Gregor I. die Grundlage für die wirkungsvolle Verknüpfung «Heilige und Hure», denn «Sünderin» wurde später mit «Prostituierte» gleichgesetzt. Maria Magdalena wurde sozusagen zum Prototypen eines gefallenen Mädchens, das durch Jesus wieder zum Heil findet; davon zeugen die unzähligen «Magdalenenheime», in die man Prostituierte während Jahrhunderten zur Umerziehung steckte. Eine biblische Grundlage hat diese Verknüpfung indessen nicht, im Neuen Testament ist Maria Magdalena einfach eine Jüngerin.

Am häufigsten Jüngerinnen
In dieser Funktion ist sie nicht allein. Denn Jüngerinnen und frühe Christinnen bilden die grösste Gruppe unter den Frauen, die im Neuen Testament etwas ausführlicher erwähnt werden. Zu ihr zählen etwa Maria Kleophale oder Maria Salome, zwei Frauen beim Kreuz, oder die erwähnte Maria von Bethanien und deren Schwester Martha. Eine interessante Figur ist die in der Apostelgeschichte genannte Purpurhändlerin Lydia, die wohl als erster Mensch in Europa – in Philippi – den christlichen Glauben annahm und eine wichtige Mäzenin der ersten Christen war. Erstaunlich eigentlich, dass Lydia nur gerade zweimal erwähnt wird. Aber das ist offenbar das Schicksal von Frauen im Neuen Testament: Sie erhalten alles in allem wenig Platz. Sämtliche Verse, in denen Frauen vorkommen, lassen sich auf vier A4-Seiten ausdrucken.

Keine Schubladen
Trotzdem ist die Vielfalt an weiblichen Figuren gross. Frauen sind nicht einfach Dienerinnen, Verführerinnen oder gute Seelen, sie lassen sich nicht auf eine bestimmte Rolle reduzieren; die Palette an Figuren reicht von der blutrünstigen Salome, die für die Köpfung von Johannes sorgt, bis zur wohltätigen Tabitha, die laut Apostelgeschichte «reichlich Almosen» gab. Und dort, wo eine weibliche Figur etwas ausführlicher erwähnt wird, zeigt sie oft auch vielfältige Charakterzüge. Frauen in der Bibel sind also wie Frauen im Leben: Sie lassen sich nicht schubladisieren.

Eine Junia oder ein Junias?
ml. In der deutschen Gemeinde Augsburg gibt es seit 2012 eine altkatholische Kirche, die der Apostelin Junia geweiht ist. Ob es eine solche Person aber jemals gab, ist umstritten und lässt sich kaum mehr nachweisen – wie so vieles aus der Frühgeschichte des Christentums. Im Fall Junia/Junias kommt hinzu, dass die Faktenlage extrem dünn ist: Der Name taucht in der Bibel nämlich nur ein einziges Mal auf, und zwar im Römerbrief. Paulus lässt viele Leute in Rom grüssen, darunter auch Frauen wie Maria, Priska oder Phöbe. Bei 16,7 heisst es schliesslich: «Grüsst Andronikus und Junia(s), die zu meinem Volk gehören und mit mir zusammen im Gefängnis waren; sie sind angesehene Apostel und haben sich schon vor mir zu Christus bekannt.» Die US-amerikanische feministische Theologin Bernadette Joan Brooten kam in einer 1982 veröffentlichen Untersuchung zum Schluss, dass es sich bei Junia um eine Frau handeln müsse; hauptsächlich deshalb, weil es den Männername Junias gar nie gegeben habe. Die Forscherin führt noch weitere Indizien an, etwa eine Aussage des Kirchenvaters Johannes Chrysostomos zu Junia. Allerdings ist ihre These umstritten, und mittlerweile füllt die Junia-Junias-Debatte ganze Bücher. Kritiker führen an, dass sich bei den ältesten Bibelabschriften in altgriechischer Sprache nicht entscheiden lasse, ob es sich in diesem Fall um einen Frauen- oder Männernamen handle; erst Bibelabschriften aus dem 9. Jahrhundert, die kaum mehr als ursprünglich bezeichnet werden könnten, deuteten auf einen Frauennamen hin. Bernadette Brooten habe zwar Recht, dass der weibliche Name Junia in der griechischen Literatur oft vorkomme, man fände dort aber auch Junias als Kurzform des verbreiteten lateinischen Namens Junianus. In einem Text des Kirchenvaters Epiphanius kommt zum Beispiel ein Junias vor, der später Bischof von Apameia in Syrien wurde. Die Frage, ob Junia ein Junias gewesen ist – oder Junias eine Junia –, lässt sich wohl nie abschliessend klären.

Martha und Maria – die ungleichen Schwestern
nm. Von Martha und Maria aus Bethanien wird im Lukas- und im Johannesevangelium erzählt. Im Lukasevangelium laden die Schwestern Jesus in ihr Haus ein. Während Martha sich viel Mühe macht und Jesus bewirtet, sitzt Maria zu seinen Füssen und hört ihm zu. Martha bittet Jesus daraufhin, Maria aufzufordern, ihr bei der Arbeit zu helfen. Bemerkenswert ist die Antwort Jesu: «‹Martha, Martha›, erwiderte der Herr, ‹du bist wegen so vielem in Sorge und Unruhe, aber notwendig ist nur eines. Maria hat das Bessere gewählt, und das soll ihr nicht genommen werden.›» Da Martha zu Füssen von Jesus sitzt und ihm zuhört – wie das für Schüler und Schülerinnen von Rabbis damals üblich war –, wird sie oft als weitere Jüngerin Jesu interpretiert. Des Weiteren werden die Schwestern oft auch als Repräsentantinnen für Aspekte der guten christlichen Lebensführung bezeichnet: Dabei steht Maria für die vita contemplativa, Martha für die vita activa.

Starkes Christusbekenntnis
Im Johannesevangelium ist ihr Bruder Lazarus krank, weshalb die Schwestern nach Jesus schicken. Dieser trifft aber erst bei ihnen ein, als Lazarus bereits tot ist. Bevor er Lazarus wieder zum Leben erweckt, findet ein ausführliches Gespräch zwischen Martha und Jesus statt. Sie wirft ihm vor, dass er erst sehr spät nach Bethanien kam, formuliert aber ein wich- tiges Christusbekenntnis des Johannesevangeliums: «Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.» Ihre Schwester Maria wird in dieser Passage praktisch nicht erwähnt. Sie bekommt aber später grosses Gewicht, als sie die Füsse und den Kopf von Jesus nur wenige Tage vor der Passion mit einem wertvollen Öl salbt – und damit die Salbung seines Leichnams prophetisch vorwegnimmt.

Photina – die Samariterin
nm. Im Johannesevangelium begegnet Jesus Photina am Jakobsbrunnen. Die Samariterin wird von Jesus um etwas Wasser gebeten. Sie zögert, da Samariter und Juden einander nicht freundlich gesinnt sind. Im Verlauf des Gesprächs erfährt Photina aber, wer Jesus in Wahrheit ist. Er erzählt ihr, dass er Wasser zu geben habe, das jeden Durst stillen könne, und er stellt seine seherischen Fähigkeiten unter Beweis. Photina ist beeindruckt und bekennt, dass sie an das Kommen des Messias glaube. Laut ausserbiblischer Überlieferung bekehrt Photina später auch ihre fünf Schwestern und ihre beiden Brüder zum Christentum. Sie alle werden zu Märtyrern unter Kaiser Nero, der die Christen brutal verfolgt. Photina wird dem Kaiser vorgeführt und soll den römischen Göttern opfern. Sie spuckt dem Kaiser stattdessen ins Gesicht und wird daraufhin in einen Brunnen geworfen, wo sie schliesslich als Märtyrerin stirbt.

Text: KircheZ 02/2018 Marius Leutenegger

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