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Der Wartezeit einen Sinn geben

Seit 2015 war Pfarrer Michael Wiesmann als Seelsorger in der Bundesasylunterkunft auf dem Gubel tätig. Ende August verlässt er die ehemalige Militärunterkunft – nach einer bewegten und bewegenden Zeit.

2015 eröffnete der Bund in der ehemaligen Militärunterkunft auf dem Gubel eine auf drei Jahre befristete Asylunterkunft. Das Vorhaben fand nicht bei allen im Nachbardorf Menzingen vorbehaltlos Anklang. «Aber die IG Zentrum Gubel Mänzige hat viel getan, um ein gutes Neben- und Miteinander zu ermöglichen – damals und auch während der ganzen Zeit, in der ich dort als Seelsorger tätig war», sagt Michael Wiesmann. Der Pfarrer, der auch schon als Gefängnisseelsorger amtete, gehörte von Beginn an zum ökumenischen Seelsorgeteam auf dem Gubel. Per Ende August geht er von Bord – weshalb, wenn das Zentrum doch noch bis 2018 in Betrieb sein wird? «Mir wurde eine Vollzeitstelle als Gemeindepfarrer in Uetikon am See angeboten, wo ich bereits seit fast acht Jahren als Jugendpfarrer tätig bin», erzählt der Theologe. Er habe nicht ablehnen können, zumal dies seine erste Gemeindestelle überhaupt sei und ihm die Gemeinde am Herzen läge.

Einfach nur Kirche sein
Sozialdiakon Ferdinand Amsler bleibt dem ökumenischen Seelsorgeteam auf dem Gubel derweil auf reformierter Seite erhalten. Konfessionen seien in der Unterkunft aber sowieso kaum ein Thema gewesen. «Ein schönes Beispiel für gelebte Ökumene», findet der Pfarrer, «wir wurden von allen einfach als Kirche wahrgenommen. » Sowieso seien die wenigsten Asylsuchenden katholisch oder reformiert gewesen. «Auf christlicher Seite haben wir es vor allem mit Christen aus den orthodoxen Ostkirchen zu tun.» Aber auch diese Gläubigen hätten kaum je darauf bestanden, zum Beispiel eher mit einem katholischen als mit einem protestantischen Seelsorger zu sprechen. «Die Menschen auf dem Gubel haben ganz andere, schwerwiegendere Probleme als konfessionelle Haarspalterei», sagt Michael Wiesmann. Mit der klassischen Seelsorgearbeit seien diese Probleme in den meisten Fällen jedoch nicht zu lösen gewesen. Manchmal sei man einfach Ventil für die Menschen gewesen, manchmal ging es nur darum, mit ihnen zu warten, bis ihr Fall entschieden wurde. Und natürlich sind die Seelsorgenden auf dem Gubel bis zu einem gewissen Grad auch Animateure im soziokulturellen Bereich. Michael Wiesmann: «Letztlich geht es einfach darum, dass die Wartezeit für die Menschen einen gewissen Sinn und Wert bekommt, egal, was dazu nötig ist.»

Nicht alles funktioniert immer
Spannend sei die Arbeit auf dem Gubel aber jederzeit gewesen, sagt Michael Wiesmann: «Wir mussten uns und unsere Arbeit immer wieder neu erfinden – je nach Belegung, Zusammensetzung und Jahreszeiten.» Abgesehen von der jährlichen Samichlaus- und Weihnachtsfeier habe es kaum eine Aktivität gegeben, die immer und ausnahmslos funktioniert habe. «Die Tee-und-Guetzli-Runde stellten wir während des Ramadan ein, Ostereierfärben ging nur, wenn Kinder da waren, im Winter konnten wir nicht so viel draussen machen und so weiter.» Interessanterweise sei der montägliche Gang zur Messe im Kloster Menzingen ein Angebot gewesen, das sehr oft und sehr gern wahrgenommen worden sei – «wenn auch vielleicht manchmal nur aus Neugierde, um zu sehen, wie hier in der Schweiz der Glaube gelebt wird.»

Eindrückliche Begegnungen
Zweieinhalb Jahre mit Menschen zwischen Tür und Angel, die Situationen erlebt haben, welche man sich als Mitteleuropäer kaum vorstellen kann – da muss es zu eindrücklichen Momenten gekommen sein. Drei sind dem Theologen in besonderer Erinnerung geblieben: «Eines Tages sass ich mit jungen Afghanen am Tisch, als im Fernseher gezeigt wurde, wie ein Dorf in Flammen aufging – das Nachbardorf eines der Männer, in dem seine Mutter als Lehrerin arbeitete. Da war mir Afghanistan emotional auf einmal sehr nah.» Eine zweite eindrückliche Begegnung war die mit einem jungen Mann aus Osteuropa, der eine gute Stelle im Landwirtschaftsministerium hatte. Die Regierung wechselte, der Apparat wurde komplett ausgetauscht. «Der Mann wusste, dass er mindestens bis zum nächsten Regierungswechsel keine Arbeit mehr finden würde», sagt Michael Wiesmann. «Plötzlich weiss man wieder zu schätzen, dass wir in der Schweiz fast unbegrenzte Möglichkeiten haben!» Und schliesslich wird ihm jede Begegnung mit Kindern in Erinnerung bleiben: «Natürlich merkt man, was sie durchgemacht haben. Aber wenn sie die Möglichkeit haben, Kind zu sein, sind sie das auch, und zwar mit einer beeindruckenden Unbeschwertheit.»

Positive Bilanz
Wie sieht Michael Wiesmanns persönliche Gubelbilanz aus? «Ich möchte die Erfahrung sicherlich nicht missen», sagt er. Vor allem sei ihm bewusst geworden, wie wertvoll, aber auch fragil die Sicherheit ist, in der wir in Europa leben. «Allerdings bin ich im Herzen halt doch ein ‹klassischer Seelsorger› und freue mich darauf, als Gemeindepfarrer der seelsorgerlichen Begleitung mit längerer Perspektive als nur vier bis sechs Wochen nachgehen zu können.» Zudem habe er auf vielen Ebenen agieren müssen, vom SEK bis zum SEM (Staatssekretariat für Migration) – etwas, wozu man als Pfarrer und Seelsorger normalerweise kaum Gelegenheit erhält. Etwas weniger erfreulich sieht Michael Wiesmanns Bilanz für die internationale Asylpolitik im Ganzen aus: «Im Grund ist das ganze Dublin-System, bei dem die ärmsten Mitgliedstaaten als Auffangbecken für Flüchtlinge fungieren, extrem fragwürdig. Das kann man als Kirche auch mal deutlich sagen, finde ich.» Immerhin habe sich seit den Änderungen im Asylgesetz wenigstens in der Schweiz einiges zum Besseren verändert. Auch wenn das auf geopolitischer Ebene nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist.

Text: Erik Brühlmann, Kirche Z 9/2017

 

Tags: Flüchtlinge , Flucht
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