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Der Bau einer Insel

Die reformierte Kirche Baar feiert dieses Jahr ihr 150-Jahr-Jubiläum. Ein guter Anlass, um die bemerkenswerte Geschichte der Gemeinde näher kennenzulernen. Der zum anlässlich des Jubiläums verfasste Kunstführer enthüllt viele spannende Details.

«Für mich ist die Kirche Baar ein wichtiges Stück Heimat», sagt Vroni Stähli, Pfarrerin im Bezirk. Sie lebt und arbeitet seit rund 24 Jahren auf dem schönen Gelände der Kirche. Und sie freut sich über ein gelungenes Jubiläumsjahr mit vielen schönen Anlässen wie etwa dem Kirchenplatzfest oder einem Kinderkonzert. «Der Festgottesdienst am 1. Oktober ist ein schöner Abschluss der Jubiläumsfeiern – und der Kunstführer wird uns noch lange erhalten bleiben », sagt die Pfarrerin. Der Kunstführer «Die Refor-mierte Kirche Baar» ist ein Gemeinschaftswerk der Bezirkskirchenpflege Baar Neuheim und der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (GSK). Die GSK ist eine Non-Profit-Organisation und erforscht seit 1880 das baugeschichtliche Kulturerbe der Schweiz. «Wir konnten auch etliche Sponsoren für den Kunstführer gewinnen», so Vroni Stähli. «Das zeigt, dass die Kirche von Gemeinden, Gewerbe und Wirtschaft immer noch viel Wertschätzung erfährt.»

Gottesdienst im Packsaal
Die Geschichte der Reformierten Kirche Baar begann Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Bundesverfassung allen Schweizern und Schweizerinnen das freie Niederlassungsrecht gewährte – unabhängig von ihrer Konfession. Zuvor hatten Protestanten eine spezielle Niederlassungsbewilligung benötigt, wollten sie im Kanton Zug leben. Schnell vervielfachte sich nun die Zahl der Protestanten in Baar. Die meisten waren Arbeiter und Arbeiterinnen in der Spinnerei an der Lorze – und ihr Wunsch nach einer eigenen Gottesdienstgemeinde war natürlich gross. Zu ihrem Glück geschah etwas damals sehr Ungewöhnliches: Der katholische Industrielle Wolfgang Henggeler, der Direktor der Spinnerei, heiratete die protestantische Industriellentochter Barbara Schmid. Die neue Direktoren-Frau, die nun Barbara Henggeler-Schmid hiess, engagierte sich stark für eine seelsorgerische Betreuung der Protestanten in Baar. Mit Erfolg: Am Ostermontag 1863 feierten die Protestanten den ersten öffentlichen Gottesdienst in Baar – im dafür hergerichteten Packsaal der Spinnerei. Barbara Henggeler- Schmid und der Zürcher Frauenverein sammelten daraufhin Mittel für den Bau einer richtigen Kirche. Das Bauland trat die Spinnerei günstig an die Kirchengemeinde ab. 1867 wurde die reformierte Kirche Baar eingeweiht. «Das geschichtliche Zusammenspiel von Industrie und Kirche ist auch aus theologischer Sicht interessant», sagt Pfarrerin Vroni Stähli über die Anfänge der Reformierten Gemeinde Baar. «Denn die Frage, wie Gesellschaft und Kirche einander prägen und beeinflussen, ist bis heute wichtig.»

Wenn Gebäude erzählen
Von der Verknüpfung zwischen der Industrialisierung und der Geschichte der Kirchgemeinde handelt auch der Jubiläums- Kunstführer. «Es ist kein Zufall, dass die erste reformierte Kirche im Kanton Zug in Baar zu stehen kam», sagt die Autorin des Kunstführers, Dr. Brigitte Moser. Ihr sei zu Beginn ihrer Arbeit sofort klar gworden, dass «der Kirchenbau einer umfassenden Darstellung bedarf, bei der die Kirchen- und Industriegeschichte einen angemessenen Platz erhält». Die Kirche, gebaut vom bekannten Architekten Ferdinand Stadler, sei eine einzigartige Zeitzeu- gin der frühen Industrialisierung und der damit verbundenen Geschichte der Protestanten im Kanton. Die Kunsthistorikerin Brigitte Moser sieht in der reformierten Kirche Baar «einen schlichten Bau von grosser Präsenz, der in seiner klaren Formensprache sinnlich und prägnant von seiner bewegten Geschichte erzählt». Wie Pfarrerin Vroni Stähli ist auch Brigitte Moser von der kleinen Kirche sehr angetan: «Der stimmige Ort ist wie eine Insel im dicht bebauten Quartier und lädt zum Verweilen ein.»

Ferdinand Stadler – der Schweizer Kirchenspezialist
Ferdinand Stadler lebte von 1813 bis 1870 und war einer der bekanntesten Architekten seiner Zeit. Nach der Ausbildung zum Zimmermann studierte er Architektur in Karlsruhe. Später arbeitete Ferdinand Stadler in Zürich, wo er auch am Polytechnikum lehrte. Der herausragende Architekt etablierte sich als Spezialist für Kirchenbauten. Unter anderen konzipierte er die Kirche Nazareth in Israel und die Elisabethenkirche in Basel – die bedeutendste neugotische Kirche in der Schweiz. Nach seinen Plänen entstanden auch die Matthäuskirche in Luzern – als erste reformierte Kirche der Zentralschweiz –, die katholische Kirche in Unterägeri und die Kirche Baar, die erste reformierte Kirche im Kanton Zug. Die Werke von Ferdinand Stadler gehören mehrheitlich zum Klassizismus, sie enthalten indessen oft neugotische oder barocke Stilelemente.

Schweizerischer Kunstführer
«Die Reformierte Kirche Baar»

Brigitte Moser
Gesellschaft für Schweizer Kunstgeschichte GSK
Serie 102, Nr. 1011

Der Kunstführer liegt für einen empfohlenen Beitrag von Fr. 5.- hinten in der Kirche auf. Gerne schicken wir Ihnen auch ein Exemplar nach Hause. Melden Sie sich bei Vroni Stähli.

Text: Nena Morf, Kirche Z 11/2017

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