Erstkontakt mit der Kirche: Die Taufe

In vielen christlichen Familien ist es Tradition, den Nachwuchs taufen zu lassen und ihn damit zum Mitglied der christlichen Gemeinschaft zu machen. Ein Muss ist die Taufe jedoch nicht – und viele lassen sich auch erst viel später taufen. Ein Blick auf die Kasualie, die oft der erste Kontakt eines Menschen mit der Kirche ist.

Willkommen in der Gemeinschaft!
Dieses Jahr befasst sich «Kirche Z» in lockerer Folge mit den Kasualien, also mit den kirchlichen Handlungen zu besonderen Anlässen im Leben eines Menschen. Den Anfang macht, wie es sich gehört, die Taufe. Zum ersten Mal kommt ein Mensch in der Regel bei seiner Taufe in Kontakt mit der Kirche – auch wenn er sich nur selten an diesen Kontakt erinnert, findet er doch meist sehr früh im Leben statt. In der reformierten Kirche ist die Taufe so etwas wie ein Willkommensgruss, mit dem die Gemeinde ihr neuestes Mitglied aufnimmt.

Verschiedene Tauftraditionen

Eine eindeutige neutestamentarische Textgrundlage für die Taufe gibt es ebenso wenig wie eine explizite Tauflehre. Vielmehr finden sich verschiedene Praktiken und auch Bedeutungen der Taufe. Johannes der Täufer etwa betrachtete die Taufe als eine «Umkehr zur Vergebung der Sünden» (Markus 1,4). Sie war also ein eigentliches Reinigungsritual; die Taufe im Jordan bedeutete die Rettung vor dem bevorstehenden Gericht. Die nachösterliche Gemeinde hingegen taufte «im Namen Jesu Christi» (Apostelgeschichte 10,48) und betrachtete den Akt als einen Aufnahmeritus: Die Taufe machte die Zugehörigkeit zur nachösterlichen Gemeinde und zu Jesus Christus erkennbar. Im 2. Jahrhundert lassen sich bereits Kernelemente der Taufe, wie wir sie heute kennen, nachweisen: Der Akt, dem eine Unterweisung vorausgeht, wird im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes durch dreimaliges Untertauchen oder dreimaliges Ausgiessen von Wasser über den Kopf des Täuflings vollzogen. Allerdings waren die Täuflinge damals meist Erwachsene; die regelmässige Taufe von Kindern ist erst ab dem 3. Jahrhundert belegt. Den Taufpaten kam unter anderem die Aufgabe zu, die Eignung des Täuflings zu belegen, ihm nach der Taufe moralische Anleitung zu geben und ihm mit gutem Beispiel voranzugehen.

Spezieller Willkommensgruss in Baar
Wird im Bezirk Baar ein Kind geboren, dessen Eltern Mitglied der reformierten Kirche sind, erhält es als ersten Willkommensgruss eine selbstgezogene Taufkerze zugeschickt. «Damit möchten wir zeigen, dass wir uns über die Geburt des Kindes freuen und den Eltern Gelegenheit geben möchten, es taufen zu lassen», erklärt Pfarrer Didier Sperling. Dies werde von den Eltern geschätzt und sei oft auch der Anlass zur ersten Kontaktaufnahme mit den Baarer Pfarrpersonen. Erfolgt eine Anmeldung zur Taufe, führen die Pfarrpersonen ein erstes Gespräch mit den Eltern. «Dabei können wir erfahren, was für eine Bedeutung die Taufe für die Eltern hat – und unser reformiertes Taufverständnis erklären.»

Ökumenisch anerkannt
Den Charakter eines Aufnahmeritus hat die Taufe in der Reformierten Kirche bis heute behalten. «Deshalb legen wir hier in Baar auch grossen Wert darauf, dass eine Taufe im Rahmen des Gemeindegottesdienstes oder zusammen mit der Hochzeit des Elternpaars stattfindet», sagt Pfarrer Didier Sperling. Nach reformiertem Verständnis fungiere die Gemeinde als Taufzeuge; spektakuläre «Tauf-Events» irgendwo im Grünen liefen diesem Verständnis zuwider. «Erfreulicherweise zeigen die allermeisten Eltern für unsere Einschränkung Verständnis», so Sperling, zumal es im Rahmen der Taufzeremonie durchaus Raum für Individuelles gebe. «Jede Pfarrperson gestaltet eine Taufe anders. Bei mir ist es so, dass ich das Taufthema bereits im Gottesdienst aufnehme. Dann spreche ich ein Taufversprechen, das die Eltern zuvor ausgewählt haben und durch das sie die Zusage geben, den Täufling in die Gemeinde zu geben. Danach gehe ich mit dem Täufling jeweils durch die Reihen und stelle ihn so der Gemeinde vor.» Nach dem eigentlichen Taufakt ist es Zeit für die speziellen Wünsche. «Es gab schon Angehörige, die auf der Gitarre spielten, eine Patentante, die ein Gedicht vortrug, eine finnische Mutter, die ein Gebet in ihrer Landessprache rezitierte und vieles mehr.»

Der Normalfall: Babytaufe
All dies haben Emanuela und Stephan Villiger und ihr im Dezember 2012 geborener Sohn Maurice Elias noch vor sich. Didier Sperling wird die Taufe am 14. April vollziehen – da bleibt reichlich Zeit, um die Einzelheiten zu besprechen und zu organisieren. «Die Einladungen sind gemacht, die Taufpaten ausgewählt, und im März haben wir das Vorgespräch mit Didier Sperling», erzählt die 34-jährige Mutter. Der Baarer Pfarrer wird sich freuen, denn die Villigers sehen die Taufe ihres Sohnes nicht als Event, sondern als Türöffner zum Glauben: «Die Taufe ist eine schöne und feierliche Tradition», sagt Emanuela Villiger. «Und um es ein wenig romantisch zu formulieren: Mit der Taufe gibt man dem Kind auf gewisse Weise auch einen Schutzengel für sein Leben mit.»

Ökumenische Anerkennung
Katholisch oder reformiert? Diese Frage stellte sich wie bei so vielen Familien auch den Villigers. «Wir entschieden uns vor allem für eine reformierte Taufe, weil ich einen engeren Kontakt zur Kirche pflege als mein katholischer Mann», sagt die reformierte Mutter. Auch die katholische Taufe wäre problemlos möglich gewesen, denn in der Schweiz wird die Taufe seit 1973 von den katholischen und reformierten Kirchen gegenseitig anerkannt. Zwar besteht ausdrück lich keine völlige Übereinstimmung in theologischen Fragen zur Taufe, «doch würde man die Taufe nicht anerkennen, würde man das Wirken Gottes, das sich im Sakrament manifestiert, infrage stellen», sagt Didier Sperling. «Damit würde sich der Mensch quasi als Schiedsrichter über alles stellen und entscheiden, wann Gott richtig – also nach des betreffenden Menschen Geschmack – gewirkt hat und wann nicht.» Deshalb sei es auch so schade, dass die Freikirchen andere Taufen nicht anerkennen würden, während die Landeskirchen dies umgekehrt täten.

Taufe ist einmalig
Diese gegenseitige Anerkennung bedeutet auch, dass ein Mensch, der vom katholischen Glauben zum reformierten konvertiert, nicht noch einmal getauft werden muss. Im Gegenteil, die Tauf-Broschüre des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK) stellt unmissverständlich klar: «Aus biblischen, ekklesiologischen und ökumenischen Gründen tauft die Kirche einmal. Die Taufe ist die einmalige Zueignung des Christusgeschehens für den Einzelnen.» Mit anderen Worten: Die sogenannte Wiedertaufe ist in den Landeskirchen – anders als bei den Freikirchen – nicht nur nicht erwünscht, sondern rundheraus untersagt. Doch was, wenn jemand zum reformierten Glauben konvertiert und seine Aufnahme in eine neue Glaubensgemeinschaft feierlich begehen möchte? «Das geht mit einem Segen ganz wunderbar», sagt Didier Sperling. «Ein Segen hat auch den Vorteil, dass dabei die Person und nicht die kirchlichen und theologischen Auslegungen im Vordergrund stehen.»

Taufe und Konfirmation
Die Taufe steht in einem engen Zusammenhang zur Konfirmation, in der den Konfirmandinnen und Konfirmanden die Gnade bestätigt wird, die ihnen mit der Taufe zugesprochen wurde. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Taufe eine Vorbedingung für die Konfirmation ist. Trotzdem wird natürlich niemand vom Konfirmationsunterricht ausgeschlossen; ungetaufte Mädchen und Jungen werden einfach vor dem Konfirmationssegen getauft. So wird es auch bei Mara Melchior sein. «Ich wusste zwar, dass ich nicht getauft wurde, aber mir war bis zum Konfirmationsunterricht nicht klar, dass ich die Taufe benötige, um konfirmiert werden zu können», sagt die 15-Jährige. In ihrer Konfirmations-Klasse gibt es ausser Mara nur ein weiteres ungetauftes Mädchen. Als «Exotin» wird sie deshalb aber nicht behandelt. «Ich glaube, ausser meiner besten Freundin weiss das noch gar niemand!» Eine grosse Bedeutung misst sie ihrer Taufe jedoch nicht zu. «Es gehört halt dazu», sagt sie. Dass Mara nicht als Säugling getauft wurde, war die Folge eines Versehens. «Meine Partnerin übertrug mir damals die Formalitäten», erzählt Vater Rolf Nölkes. «Und mir ist es, einfach gesagt, durch die Lappen gegangen.» Immerhin habe Mara so die Möglichkeit, ihre Taufe bewusst zu erleben und letztlich auch selbst zu entscheiden, ob sie das überhaupt wolle. Was wäre gewesen, wenn nicht? «Das hätte ich dann eben akzeptieren müssen, auch wenn ich es schade gefunden hätte», meint der Vater. «Die Fragen, die jetzt im Konfirmations-Unterricht besprochen werden, interessieren Mara aber ohnehin sehr. Von daher habe ich nie ernsthaft gedacht, dass sie auf die Taufe verzichtet.»

Spät, aber nicht zu spät
Die Taufe von Säuglingen, Kindern und jungen Erwachsenen machen bei weitem den Löwenanteil der Taufakte aus. Es kommt aber auch immer wieder vor, dass sich Erwachsene taufen lassen. «Mein ältester Täufling war eine 77-jährige Dame – eine sehr bewegende Zeremonie», erinnert sich Didier Sperling. Auch die 56-jährige Bettina Brunner wurde bisher nicht getauft. Es war ihr Vater, welcher der Taufe einst einen Riegel vorschob. «Für ihn galt das Motto: ‹Nicht in der Kirche und nicht in der Partei!›», erinnert sich die gebürtige Dresdnerin. Diese Einstellung gegenüber Kirche und Religion sei in der ehemaligen DDR weit verbreitet gewesen. «Viele, welche die Not des Kriegs und anschliessend die Not des Sozialismus’ erlebt hatten, fragten sich, wie ein barmherziger Gott so etwas zulassen könne.» Statt einer Taufe erfuhr Bettina Brunner deshalb im Alter von drei Jahren eine Namensweihe: «Ein kleiner, festlicher Akt auf dem Standesamt, bei dem ich ein Heftchen mit einer Friedenstaube bekam.» In der Schule wurde Bettina Brunner konsequenterweise Mitglied der Pionierorganisation. «Nur wenige besuchten damals die Christenlehre in der Kirche», sagt sie. Beides zusammen war nicht erlaubt – man hatte sich für eines zu entscheiden.

Erst Kontakt, nun bald Mitglied
Trotz allem kam Bettina Brunner auch immer in Kontakt mit der Kirche: zum Beispiel über einen Verlobten, der in der Gemeindearbeit tätig war, und später, nach dem Umzug mit ihrem zweiten Mann nach Baar, bei ihrer Arbeit als Krankenschwester. «Zurzeit arbeite ich bei der Schwesterngemeinschaft ‹Ländli›, und es ist beeindruckend zu sehen, wie der Glaube den Schwestern eine innere Stärke verleiht, welche stärker ist als die körperlichen Gebrechen.» Bettina Brunner las schon seit geraumer Zeit immer wieder in der Bibel, und schliesslich erkannte sie für sich, dass der Glauben eine Möglichkeit bietet, mit schwierigen Lebenssituationen und auch mit dem Tod umzugehen. Ihr Mann bestärkte sie im wachsenden Bedürfnis, sich einer Konfession anzuschliessen, sich mit dem Glauben näher zu beschäftigen und sich taufen zu lassen. So ging sie zusammen mit einer zum reformierten Glauben konvertierten Kollegin auf die Suche nach der geeigneten Gemeinschaft – und landete bei Pfarrerin Vroni Stähli in Baar. «Sie sagte mir, was alles zu tun ist und wie eine Erwachsenentaufe funktioniert.» Dabei kam auch heraus, dass die Arbeitskollegin bereits getauft ist und den Akt nicht wiederholen kann. Einen Termin für ihre Taufe hat Bettina Brunner noch nicht, aber sie freut sich trotzdem schon auf den grossen Tag: «Für mich soll meine Taufe der Beginn eines neuen Lebensabschnitts werden!»

Text: Erik Brühlmann, Kirche Z 3/2013