| 150 Jahre Reformierte Kirche Zug |
Aus der Beilage des Zuger Volksblatts zum 100-jährigen Bestehen der Reformierten Kirche Zug (Mittwoch, 30. Oktober 1963, Nr. 130)
Die Geschichte der Protestantischen Kirchgemeinde ist auf das engste verbunden mit der gesamten Entwicklung des Kantons Zug. In der Industrialisierung liegt der Schlüssel zu tief greifenden Veränderungen im Leben des Zuger Volkes. Zug zählt heute (i.e. 1963) zu den meist industrialisierten Kantonen der Schweiz. Die Zuger Industrie beschäftigt um die 10’000 Arbeiter und Angestellte, von denen 90% ihren Wohnsitz im Kantonsgebiet haben. Im 19. Jahrhundert, der Zeit des mächtigen politischen und wirtschaftlich-sozialen Umwandlungsprozesses, entstand der Grossteil der bedeutenden Industrieunternehmungen im Zugerland, die Spinnereien Ägeri (1836), die heutige Spinnerei und Weberei J. U. Gygli Zug (1851), die Spinnerei an der Lorze (1852), die Metallwarenfabrik Zug (1880) und die Landis und Gyr AG (1896). Aus der bereits 1657 gegründeten Papiermühle erwuchs die Papierfabrik Cham AG. In ununterbrochener Fortentwicklung folgten neue Firmen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, die Gebr. Gysi AG (1900), die Franz Rittmeyer AG (1904), die Verzinkerei Zug AG (1913), die Maschinenfarbrik Cham AG (1927). Wir begegnen der Crypto AG, der Kistenfabrik Zug AG, der Sägerei J. Spillmann, den Viktoriawerken wie der Baukork AG und der Multiforsa AG, ohne abschliessend das Werden und Wachsen weiterer Betriebe zu nennen.
Wer mit den Verhältnissen im Kanton Zug auch nur einigermassen vertraut ist, weiss, dass mit diesen wenigen Stichworten bereits ein wichtiges, neues Kapitel zugerischer Geschichte skizziert ist. Die Industrialisierung schuf nicht nur eine wirtschaftliche Grundlage, sondern wandelte die Bevölkerungsstruktur und brachte neue Lebensformen. Neue Existenzmöglichkeiten haben neue Arbeitskräfte angezogen, so dass heute die Kantonsbürger nicht mehr die Mehrheit bilden. Zu dieser Mehrzahl der Schweizer aus allen Regionen unseres Landes kamen im vergangenen Jahr rund 7000 Ausländer aus 55 Nationen. Der Gefahr einer Entwurzelung ist die Zuger Bevölkerung nicht erlegen. Treue gegenüber alt bewährten Einrichtungen und weitblickende Fortschrittlichkeit sind im Kanton Zug eine glückliche Verbindung eingegangen. Wenn einerseits die Industrie von schicksalhafter Bedeutung für unseren Kanton ist, so ist anderseits die massgebende Beteiligung des protestantischen Bevölkerungsteils an der Industriellen Entwicklung interessant. Im praktischen Alltagsleben haben sich so «Alteingesessene» und «Einwanderer» die Hand gereicht, um in gemeinsamer Verantwortung für das Ganze das moderne Zugerland zu gestalten. Die tägliche Begegnung, das Zusammenleben und Zusammenschaffen haben das Bewusstsein geweckt, dass wir alle auf einander angewiesen sind. Es ist eine allgemein schweizerische Erfahrung, dass Verschiedenartigkeit Bereicherung bedeutet, wenn sie mit gegenseitigem Verstehen und mit Offenheit verbunden ist.