Der offene Pfarrer

Pfarrerinnen und Pfarrer prägen die Reformierte Kirche Kanton Zug – deshalb widmen wir ihnen im Jubiläumsjahr 2013 unsere Porträtreihe. Heute stellen wir Andreas Haas vor, Pfarrer in Zug-West und Klinikseelsorger an der Psychiatrischen Klinik Zugersee.


Darauf, dass aus Andreas Haas einmal ein reformierter Pfarrer werden sollte, hätte in dessen Kindheit und Jugend wohl niemand gewettet. «Als ich in die Sonntagsschule gehen sollte, habe ich mich schlicht geweigert», erinnert sich der 50-Jährige, der in Kölliken aufwuchs. «Und einen Schüler wie mich möchte ich im Religionsunterricht nicht haben.» Auch in die Kirche ging die konfessionell gemischte Familie nicht häufig – und wenn, dann gefiel es dem kleinen Andreas bei den Katholiken erst noch besser als bei den Reformierten, denn «im Hochamt in der Luzerner Hofkirche gab es wenigstens etwas zu sehen». Nach der Konfirmation ging er nie mehr in die Kirche.
In der Kantonsschulzeit entdeckte Andreas Haas aber seine spirituelle Seite. Nachdem er einen Aufsatz von Rudolf Steiner gelesen hatte, beschäftigte er sich intensiv mit Anthroposophie. Daneben engagierte er sich politisch, vor allem in Umweltfragen. Aufgrund seiner Interessen kristallisierte sich bei ihm schliesslich Diplomat als Berufswunsch heraus. Um ihn zu erfüllen, begann Andreas Haas in Bern Französisch, Geschichte und Staatsrecht zu studieren. Die Kombination der Fächer sei aber nicht ideal gewesen. «Kurzum: Ich musste einen Entscheid treffen, wie es weitergehen sollte.»
Nach drei Semestern machte Andreas Haas einen Sprachaufenthalt in Perugia. In der Nähe seines Zimmers befand sich die kleine Rundkirche San Michele, die er oft besuchte. Mittlerweile beschäftigte er sich intensiv mit Spiritualität; er praktizierte in Bern Zen-Meditation und setzte sich gern mit Religion auseinander. «Und in dieser Kirche bekam ich das Gefühl: Ich sollte ein Theologiestudium beginnen.» Pfarrer habe er aber nicht werden wollen, und «hätte man damals Religionswissenschaften studieren können, wäre ich wohl nicht Theologe geworden».

In die Kirche ging Andreas Haas weiterhin nicht – bis er sich entschied, ein Jahr lang im englischen Oxford zu studieren. In England werden Theologiestudierende viel stärker in den Kirchenbetrieb eingebunden als bei uns. Andreas Haas wurde einer Kirchgemeinde zugeteilt, «und dort erwartete man von mir auch, dass ich mich beteiligte». Unter anderem leitete er in Oxford eine Lesegruppe mit Theologiestudierenden aus Nepal, Kenya, Indonesien und Indien. Im Austausch mit diesen Leuten habe er erlebt, wie unterschiedlich die religiösen Vorstellungen sind. «Die Bibel ist in einem Zeitraum von 2500 Jahren entstanden und präsentiert ganz unterschiedliche Gottesbilder. Glaube verändert sich und hat sich immer wieder angepasst. Paulus sagt ja auch: Prüfet alles, und das Gute behaltet. Man muss deshalb akzeptieren, dass die Menschen ganz verschiedene Vorstellungen haben. Man kann nie sagen: So ist es.» Im Studium habe er mehrmals gehört, er sei ein
«Erfahrungstheologe». Tatsächlich hält es Andreas Haas bezüglich Glauben mit der berühmten Theologin Dorothee Sölle: «Ich glaube nicht an Jesus oder Gott, sondern ich glaube Jesus – ich vertraue dem, was er gesagt hat und was er ist. Ich habe gelernt, dass dieses Vertrauen auf meiner persönlichen Erfahrung beruht. Wobei Erfahren und Erahnen sehr nah beieinander liegen.»
Mit seiner undogmatischen Haltung stand er keineswegs allein da, als sich sein Studium dem Ende näherte. «Ich absolvierte das Vikariat in Spiez und war erfreut zu sehen, wie dort offenes Denken geschätzt wurde. Ich spürte aber auch, wie gern ich bei den Leuten war, wie gross das Geschenk ist, sie durch gute und schwere Zeiten begleiten zu dürfen.» In Spiez liess sich nicht mehr verdrängen, dass ihm die Arbeit eines Pfarrers liegt – und da sei eben doch der Wunsch aufgekommen, Pfarrer zu werden.
Noch während des Vikariats bewarb sich Andreas Haas in Zug. Da war er 29 Jahre alt. «Dass ich Zug wählte, war eigentlich ein Zufall. Ich dachte, in einer sehr ländlichen Gegend kommt meine Offenheit nicht so gut an, und die grossen Kirchen von Bern nahmen keine jungen Studienabgänger.» Die Zuger waren vom jungen Pfarrer begeistert, und so ist die Bewerbung in Zug bis heute Andreas Haas’ einzige geblieben. Dass er seit über 20 Jahren in Zug arbeite, habe mit der Unterstützung und Offenheit der Gemeinde zu tun, sagt Andreas Hass. Sein Bedürfnis sich weiterzubilden wurde zum Beispiel stets akzeptiert – erst machte er den Kurs zum Spitalseelsorger, dann berufsbegleitend eine Psychotherapie-Ausbildung. Spannend sei auch die Vielseitigkeit der Gemeinde. «Ich habe mit ganz verschiedenen Menschen zu tun und lerne immer wieder neue Weltsichten kennen.» Als Beispiel verweist er auf die Veranstaltungsreihe
«Spiritualität und psychische Gesundheit», welche die Gesundheitsdirektion des Kantons zusammen mit der Psychiatrischen Klinik Zugersee und den beiden Landeskirchen durchführt. «So etwas gibt es sonst nirgendwo in der Schweiz.»
Für die Offenheit der Menschen in Zug steht auch ein anderes Projekt, das Andreas Haas massgeblich vorantrieb: die CityKircheZug. Inspiriert hätten ihn dazu der Offene St. Jakob in Zürich, aber auch seine Erfahrungen in England. «Dort hatte die Gemeinde kein Geld für ein Gemeindehaus – also wurde der Kirchenkaffee in der Kirche ausgeschenkt.» Mit seinem damaligen Kollegen Philipp Koenig rief Haas zuerst die OffenBar ins Leben, die zweimal pro Monat «eine niederschwellige Möglichkeit der Begegnung» anbot. Mit seinem neuen Kollegen Hans-Jörg Riwar entwickelte er dann das Konzept der CityKircheZug; sie spricht Menschen an, die sich für spirituelle Themen interessieren, aber nicht unbedingt kirchlich orientiert sind. Ein Rekrutierungsprogramm für die Kirche sei das Angebot nicht. «Aber wir bieten etwas, was dem ureigensten Anliegen der Kirche entspricht: Momente zum Innehalten, der Besinnung.» Das kommt Andreas Haas’ Vorstellung von Kirche nahe, denn er sagt: «Ich sehe mich stets als Seelsorger, auch dann, wenn ich predige: Ich versuche, einen Bibeltext im Gottesdienst so auszulegen, dass die Leute erfahren und erahnen können, was das alles mit ihrem Leben zu tun hat.»

Text: Marius Leutenegger, Kirche Z 5/2013




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